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Allgemein

14. November 2019 – Hausaufgaben

Heute klappte das mit dem frühen Aufstehen nicht ganz so gut, erst kurz nach acht wankte ich mit der Zahnbürste* ins Bad und machte dann Frühstück. Nina hat sich seit gestern endlich wieder normalisiert (kein nächtliches Gekreiche mehr!), dafür will sie auch nicht mehr morgens kuscheln.
Anschließend setzte ich mich an den Schreibtisch, der Mann werkelte mal wieder am Motorrad. Heute flutschte das Schreiben ganz gut, wahrscheinlich, weil das Thema in meinem Gehirn schon ziemlich ausgelatscht ist. Ich beschäftige mich damit sicher zum fünften oder sechsten Mal. Außerdem unterhielt ich mich kurz mit meiner Sprachlehrerin und vereinbarte einen Termin für die nächste Unterrichtsstunde.
Zum späten Mittag aßen wir Soto, dazu Frühlingsrollen und Risoles. Leider missfiel irgendein Essensbestandteil meinem Körper sehr, so dass ich mehr Zeit im Bad verbringen musste, als mir lieb war. Dazu kamen Magenkrämpfe, also legte ich mich ein bisschen hin. Zum Glück halfen die Kohletabletten schnell und nach zwei Stunden war der Spuk vorbei.
Am frühen Abend fuhr der Mann zu seiner Familie, ich werkelte noch ein bisschen am Text herum, machte dann den Computer aus, sperrte alle Katzen ein und öffnete Türen und Fenster weit, um die frische Abendluft hereinzulassen. Zweimal hat es bisher geregnet, zuletzt enttäuschend kurz am Mittwochabend. Es ist schlimm, die Wasserknappheit in vielen Gegenden nimmt zu und die Reisanbau Betreibenden können noch immer nicht pflanzen. Dafür ist die Luft drückend heiß.
Inzwischen gieße ich die Pflanzen erst, wenn es dunkel ist und auch nur alle zwei Tage, dafür aber reichlich. So kommt hoffentlich mehr bei ihnen an und es verdunstet nicht die Hälfte sofort.
Am Morgen hatte ich mit großer Freude entdeckt, dass mein tot geglaubter Granatapfel neu austrieb. Da er seinen Topf mit einem inzwischen riesigen Brutblatt teilt (die Dinger sind ü b e r a l l ), topfte ich ihn kurzerhand um und steckte gleich noch ein paat Granatapfelsamen mit in die Erde. Nur für den Fall. Alles unter den gestrengen Blicken des Einbrecherkaters, der lässig auf dem Terrassentisch ruhte.
Und dann machte ich endlich meine Indonesischhausaufgaben. Ich habe auf dem Telefon eine Karteikarten-App, in die ich alle unbekannten Vokabeln eintrug. Außerdem beschäftigte ich mich mit der Vorsilbe ber-, bis der Mann nach Hause kam, mit Mango und Rambutan im Gepäck.

*Da es in unserem Bad keine trockenen und geckokackesicheren Abstellmöglichkeiten gibt, lagere ich meine elektrische Zahnbürste im Arbeitszimmer.

13. November – Planänderung

Heute schaffte ich es endlich, früh aufzustehen. Auch dank Manfred, der mich kurz vor sieben wecken kam. Nach der Katzenfütterung beschloss ich, wach zu bleiben und mich an den Rechner zu setzen. Ein Text wollte beendet und die Bilder für 12 von 12 hochgeladen werden. Ich schrieb anderthalb Stunden lang, dann erwachte der Mann und erzählte mir kurz darauf, dass sein Onkel in der Nacht verstorben war. Er fuhr dann gleich zu seiner Familie, während ich unser Frühstück vorbereitete. Als er wiederkam, stand der Plan für den Tag fest. Beerdigungen finden hier nämlich so schnell wie möglich statt, meist noch am gleichen Tag, und es war für uns klar, dass wir hingehen.
Ich habe den Onkel, der ein berühmter Musiker und Komponist war, nur einmal getroffen. Da war ich noch Darmasiswa-Studentin und er hat mich ein bisschen darüber ausgefragt, was ich an der Kunsthochschule so lerne. Vom Mann weiß ich, dass er ein in der Gemeinschaft hoch angesehen und zu allen Menschen freundlich war. Sein Tod kam ganz plötzlich, er war erst Mitte fünfzig.

Jedenfalls kamen sicher an die Tausend Menschen zur Trauerfeier. Die Straßen waren mit Autos verstopft. Wir parkten das Motorrad am Haus der Schwiegerfamilie. Dort wurde ich noch mit einer schwarzen Bluse ausgestattet und dann liefen wir los. Die Feier fand in einem Art Space statt. Dort werden normalerweise Konzerte und Performances veranstaltet, es gibt eine Galerie und eine Tanzschule. Und eben Platz genug für die vielen Menschen, die sich verabschieden wollten.
Es war sehr voll und sehr heiß und ziemlich emotional. Nach der Messe gab es noch einige Ansprachen, unter anderem von einem ehemaligen Minister.
Anschließend zogen wir weiter zum Friedhof. Der liegt auf einem Berg, vielleicht einen Kilometer vom Ort der Trauerfeier entfernt. Wir gingen zu Fuß, weil es in all dem Verkehrchaos sicher noch anstrengender gewesen wäre, erst das Moped zu holen. Und die Bewegung tat uns trotz Hitze gut.
Auf dem Friedhof drängten sich alle ums Grab, wir hielten ein bisschen Abstand. Für mich ein wenig befremdlich war es, dass viele Leute den Moment der eigentlichen Beerdigung mitfilmten. Dann habe ich mich daran erinnert, dass ich, als wir im letzten Sommer auf Bali am Ngaben, der hinduistischen Verbrennungszeremonie, teilnahmen, auch viele Fotos gemacht habe.

Alles in allem war es ein sehr anstrengender Tag. Wirklich traurig war ich nicht, ich kannte den Onkel ja kaum. Eher betroffen, wie schnell es doch manchmal vorbei sein kann. Was mich bedrückt, ist diese rasante Beerdigung (auch wenn ich natürlich verstehe, dass es in dieser Tropenhitze wahrscheinlich notwendig ist). In Deutschland vergehen ja meistens einige Wochen bis zur Beerdigung. Natürlich ist di*er Verstorbene dann auch schon weg. Aber vielleicht können sich die Angehörigen noch einmal am Sarg verabschieden und haben überhaupt ein bisschen mehr Zeit, sich auf den finalen Abschied vorzubereiten.
Hier lassen die Menschen alles stehen und liegen, wenn jemand stirbt. Sie versammeln sich sofort im Haus der betroffenen Familie. Das finde ich einerseits schön, weil dadurch niemand mit seiner Trauer allein sein muss. Andererseits erwarten die Gäste Bewirtung, so dass die Familie sich darum kümmern muss.
So hat eben jede Kultur ihre Art, mit dem Tod umzugehen. Da gibt es kein besser und schlechter, denn das ist immer schwer.



9. bis 11. November – Jammern, Bier, Sticken.

CN: Im Laufe dieses Texts werde ich die Menstruation und PMS thematiseren.

Der Samstag war kein guter Tag. Ich erwachte schlapp und aufgedunsen und fühlte mich, als hätte ich den falschen Körper an. Von Konzentration keine Spur, stattdessen lag ich irgendwann mit der leider immer noch rolligen Nina auf dem Fußboden, ließ mich bekuscheln und heulte ein bisschen. Klassisches PMS, das mich diesmal etwas kalt erwischte, hatte ich es doch erst in ein, zwei Tagen erwartet. Tja nun. Arbeiten war so nicht möglich, dafür recherchierte ich nach Linderungsmöglichkeiten, weil so schlimm war es schon lange nicht mehr. Ich war sogar bereit, dem in meinem NFP-Forum heiß diskutierten Mönchspfeffer eine Chance zu geben. Und tatsächlich fand ich ein pflanzliches Medikament für Menstruationsgedöns, mit Agnus castus, Tamarinde, Kurkuma und noch so Allerlei. Ich teilte dem in der Motorradwerkstatt weilenden Mann meinen Einkaufswunsch mit, machte den Rechner aus, legte mich wieder zur ebenfalls von Hormonen gebeutelten Nina und tat mir selber leid. In Deutschland hätte ich mich in so einer Stimmung ins Bett gelegt, aber bei 33 Grad im Haus macht das auch mit Ventilator keinen Spaß. Später kam der Mann heim, brachte Essen und meine Jamu-Pillen mit. Dann fuhren wir zum Warnet (Warung Internet, also ein Internetcafé), um unsere externe Festplatte mit neuen Filmen und Serien zu füllen*. Letzteres ist seit einigen Wochen mit Schwierigkeiten verbunden. Unser Stamm-Warnet hatte Serverprobleme und dadurch keinen Zugriff auf seine umfassende Seriensammlung. Wir wichen auf andere Cafés** aus, deren Auswahl im Vergleich dazu eher kläglich war. Was für Luxusprobleme.
Sonntag fühlte ich mich weiterhin wie ausgekotzt (sorry not sorry), der Ruby Cup blieb weiterhin leer. Dabei sehnte ich das Einsetzen der Blutung so sehr herbei, auch wenn das bedeutete, schmerzende Brüste und Heulanfälle gegen fiese Krämpfe und Übelkeit zu ersetzen. Wir frühstückten auswärts (Soto Lenthok) und puzzelten danach jeder für sich im Haus herum. Der Mann mixte eine neue Geschmacksrichtung für den Vaporizer zusammen, ich holte das letztens angefangene Stickzeug wieder raus und rückstichelte vor mich hin. Das war sehr gemütlich und ich begann mich langsam etwas besser zu fühlen. Auch wenn die Kräuterkapseln keine Wirkung zeigten.
Am Abend besuchten wir ein Vape-Meeting in einem Hotel. Ich hatte zugestimmt mitzukommen, um mich abzulenken und in der Hoffnung, mein Indonesisch zu üben. Doch kaum waren wir da, wünschte ich heimlich, ich wäre zu Hause geblieben. Wie schön wäre es doch gewesen, einen ruhigen Abend mit meinem Stickzeug zu verbringen. Das anwesende Publikum war zu 95 Prozent männlich und 90 % betrunken. Denn es gab Bier zu gepfefferten Preisen, mein kleines Bali Hai kostete so viel, wie ein reichliches Essen für zwei am Straßenrand. Nun ja, wenigstens war die Musik gut. Wir blieben nicht allzu lang, so dass ich immerhin noch vor Mitternacht ins Bett kam.
Montag war für mich noch Feiertag und endlich endlich konnte ich einen neuen Zyklus beginnen. Nummer einundvierzig übrigens seit ich die Methode Sensiplan anwende. Ich räumte endlich mal das Bad auf und mein Zimmer auch. Wir besuchten außerdem meine Schwiegermutter, kauften Gudeg zum Abendessen und verbrachten ansonsten einen völlig unspektakulären und unglaublich heißen Tag. Bisher hat es nur einmal geregnet, es herrscht akute Wasserknappheit in vielen Regionen und doch redet weiterhin keiner von der Klimakatastrophe. Ich verstehs nicht.
+++
Am Samstag ist der Vulkan Merapi mal wieder ausgebrochen (Link indonesisch). Ich habs erst gemerkt, als #merapi auf Twitter trendete, von hier aus ist der Berg eh beinah nie zu sehen und die Asche schaffte es gar nicht bis zu uns. Nochmal zu Beruhigung: Der Sicherheitsradius beträgt drei Kilomter vom Gipfel aus. Wir wohnen laut Google Maps um die fünfzig Kilometer entfernt.

*Ja, Datenschutz, ich weiß. Wir laden nichts selber runter, sondern nutzen lediglich die Sammlung des Warnets. Die ist sehr beeindruckend, ich habe dort sogar den Klassiker M von Fritz Lang gefunden.
** Das Wort Café ist an dieser Stelle irreführend, aber mir fällt grad kein passendes Synonym ein. Ein Warnet besteht aus vielen kleinen Kabinen, in denen ein Computer steht und zwei Leute sitzen können. Für deren Nutzung zahlt eins pro Stunde um die 5000 IDR, Snacks und Getränke können separat bestellt werden.

8. November 2019 – Volles Gehirn

Heute stand ich etwas eher auf als sonst, weil der Abwasch gestern liegengeblieben war und ich eh etwas aufgeregt war. Denn heute sollte meine erste Indonesischstunde stattfinden. Hier bei uns zu Hause.
Und es war super. Nach anderthalb Stunden intensivem Gespräch mit der sympathischen Lehrerin hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Ich kann indonesisch sprechen. Ich kann mich verständigen, auch wenn mir noch viele Vokabeln und Regeln fehlen. Aber dazu nehme ich ja jetzt Unterricht. Ich hab’s sogar irgendwie geschafft, den Halbkugelversuch von Otto von Guericke zu erklären, weil sie gefragt hat, welches typische Essen es in meiner Heimatstadt Magdeburg gibt und mein Gehirn aus welchem Grund auch immer als erstes die Magdeburger Halbkugeln aus Schokolade ausgespuckt hat. Danke auch. Andererseits war das sicher noch leichter, als Braunkohl mit Klump oder Pottsuse zu beschreiben.
Jedenfalls war nach den neunzig Minuten mein gesamtes Konzentrationskontingent des Tages alle. Mein Kopf sendete weißes Rauschen, gemischt mit englischen, deutschen und indonesischen Sätzen. In welcher Sprache denke ich noch mal? Und mit einem Bauch voll Gudeg war es dann ganz vorbei für heute. Ich schaffte mit Müh und Not eine Stunde am Rechner und kümmerte mich dann lieber um Dinge, die automatisch gehen: Bett beziehen, Abwaschen, Katzen kämmen (keine Flöhe! keine frischen Flohkrümel!), Blumen gießen. Und um zehn lag ich ein bisschen kaputt im Bett.


Wiederentdeckt |

7. November 2019 – Terang Bulan

Morgens als erstes die Katzen nach Flöhen abgesucht – und nur tote gefunden. Das Zeugs wirkt also, diesmal glücklicherweise ganz ohne Sabbern. Dafür ist die Dosierung niedriger und eine zweite Behandlung übernächste Woche nötig. Dann erwischen wir auch die Flöhe, die jetzt noch Eier sind. Komischerweise bin ich bei diesem Thema total ruhig. Der Mann vermutet gerade hinter jedem Mückenstich einen Floh, aber ich bin zuversichtlich, dass wir den Befall früh genug entdeckt haben. Und ich hab auch keinen einzigen Stich, das macht es noch mal leichter für mich.
Workworkwork ging heute etwas zäh voran. Als mein Denken völlig zum Erliegen kam, schnappte ich mir unser Staubsaugerchen und saugte die Lieblingsschlafplätze der Tiere ab.
Mit ausreichend zeitlichem Abstand zum Abendessen (Gudeg!) übte ich Yoga. Damit hatte ich zwei Tage halsschmerzbedingt ausgesetzt. Anschließend fuhren wir die Schwiegermutti (Katze der Schwiegerfamilie ebenfalls flohfrei) besuchen. Meine Unterhaltungen mit ihr beschränken sich leider auf den Austausch einiger weniger Informationen*. Ich hoffe sehr, dass mir der Indonesischunterricht helfen wird, bald etwas umfassendere Gespräche führen zu können.
Lutealphase sei Dank hatte ich einen süßen Zahn und da hilft nichts besser als terang bulan. Das ist eine Art fluffig-dicker Eierkuchen mit Topping nach Wahl mit süßer Kondensmilch und Butter. Also ein wirklich mächtiger Snack. Wir entschieden uns für Schokostreusel und Käse. So lecker! Und während wir so am Esstisch saßen und das terang bulan verspeisten, rummste es in der Küche – und da stand der rüpelhafte Besuchskater. Hatte er es doch tatsächlich durch das wirklich hohe Belüftungsloch geschafft, dass wir wegen „Da kommt der niemals hin“ unverstopft gelassen hatten. Ich setzte den Kerl an die frische Luft und dann versiegelten wir auch dieses Einschlupfloch. Damit sollte unser Haus nun wirklich einbruchsicher sein.

*Essen, Katzen, Wetter