Steffi

Wochenrückblick 5/2019

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Führerschein II|Nein, ich habe die Prüfung noch nicht absolviert. Dafür aber anderen Leuten dabei zugeguckt, um den Ablauf kennenzulernen. Und der geht so:

  • Treffpunkt Prüfungsplatz. Warten auf Beginn der Prüfung.
  • Der wie ein Sportlehrer gewandete Prüfer versammelt die Schar der Prüflinge um sich und erklärt den auf das Pflaster gemalten Parcours: Zickzack, zwei Achten und eine U-Wende müssen gefahren werden. Dabei darf keiner der zahlreich aufgestellten Holzpoller umfallen oder ein Fuß den Boden berühren.
  • Jede*r hat zwei Versuche pro Aufgabe.
  • Die Aufgaben kommen nicht in einem Rutsch dran.
  • Bevor es losgeht müssen Motor und Licht eingeschaltet und der Helm geschlossen sein. Linker Fuß auf dem Boden, rechter auf Fußstütze.
  • Der Prüfer bläst in seine Trillerpfeife. Die geprüfte Person schaut über ihre rechte Schulter zurück und fährt dann los.
  • Ein zweiter Pfiff am Ende des Parcoursabschnitts signalisiert Anhalten. Der*die Fahrende stoppt, setzt den linken Fuß auf den Boden und wiederholt den Schulterblick.
  • Merke: Die Fußstützen für Beifahrende sollte eins vor der Prüfung hochklappen, um die Pollerumwerfungsfläche zu minimieren.

Der Parcours sieht mit Pollern wesentlich schwieriger aus. Zur nächsten Übungsstunde bringen wir selbst welche mit, um die Prüfungssituation besser simulieren zu können. Vor allem die Ausfahrt aus der 8 ist sehr steil, an der scheiterten die meisten.

Garten|Eigentlich wollte ich mein zukünftiges Gemüsebeet weiter jäten, besann mich dann eines Besseren. Die Pflanzen, die dort wachsen sollen, sind noch zu klein, um ins Beet umzuziehen. Nackte Erde (die sehr gut zu sein scheint, braun und krümelig) würde aber mit dem nächsten Regen – und der kommt bestimmt – davon schwimmen. Damit hätte ich nichts gekonnt. Den bereits gejäteten Part deckte ich mit dem ausgerupften Grünzeug ab, als Mulchschicht. Sehr zum Missfallen des Mannes, der meine Bodenschutzmaßnahme unordentlich fand. Da muss er durch.

Weitere Aktivitäten| Yoga gemacht, beinah täglich. Mehrmals früh aufgestanden und meditiert. Klappt immer besser. Freundschaft mit der ulkigen Nachbarskatze geschlossen (niemand widersteht den Entenfleischsnackies!). Gestern Instantnudeln und heute teure Suppe gegessen. Neunundvierzig neue Vokabeln gelernt.

Gerüche des Januars

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Allmonatlich veröffentlicht das verehrte Fräulein Read On auf ihrem Blog einen olfaktorischen Monatsrückblick und lädt andere Blogger*innen ein, es ihr gleichzutun. Diesen Monat bin ich ihrer Einladung nachgekommen.

Der Januar beginnt um Mitternacht mit diesem typischen Feuerwerksgeruch. Sekt, der Kleber, mit dem eine Freundin Glitzersteinchen in meinem Gesicht befestigt, Luftschlangen, Schokokuchen, tanzende Füße auf Holzfußboden, mitternächtliche Umarmungen. Silvesteraroma. Und dann der erste Abschied für dieses Jahr.

Zehn Tage lang riecht der Januar Deutsch. Nach dem Haus meiner Eltern, der leicht muffigen Luft in meinen Kisten (die ich gnadenlos ausmiste) und warmer Milch von den vielen Töpfen Milchreis, die ich koche und deren Inhalt ich mit ApfelmusZuckerZimt verspeise. Kindheitsessen, das den Bauch wärmt und die Seele. Kalte Winterluft, Schneeregen, Einkaufszentrum, Wald und Tee.

Dann holen wir die Koffer aus dem Kabuff (in dem es noch so riecht wie früher, als dies noch die Wohnung meiner Großeltern war) und packen. Regionalexpressduft, Flughafenstresshormone, Flugzeugdünste und das Desinfektionsmittel, mit dem ich mich vor den Keimen der Mitreisenden schütze. Es funktioniert, dieser Flug wird der erste sein, nach dem ich nicht mit Fieber das Bett hüte.

Jakarta. Mit Nelkenzigaretten und Flugzeugabgasen gesättigte Tropenluft sickert durch die Spalten der Zugangsbrücke. Der Flughafen riecht ganz wie immer. Draußen schlägt uns die Wärme entgegen, als gingen wir in einen Backofen hinein. Der Mann organisiert den uns abholenden Hotelbus herbei und endlich endlich endlich kann ich mich hinlegen und schlafen. Das Hotel, nur ein paar Jahre alt, riecht irgendwie abgewohnt, nach wassergesättigten Wänden, Zwischenwelt und Klimaanlage.

Der Januar riecht nach Ankommen und Zuhause. Vertraut nach dem warmen Katzenfell, in das ich meine Nase vergrabe. Wie gut es tut, die kleine Nina rund und gesund anzutreffen und nicht mehr in einem Tierklinikkäfig mit Trichter und Tropf und stumpfen Augen. Süße Erleichterung. Wir packen die Koffer wieder aus, richten uns ein.

Motorroller, die Brennöfen der Nachbarschaft, Nebel, so riecht der Januar seitdem. Und immer wieder Regen. Allabendlich packen die Bakmie-Verkäufer ihre Woks aus und der Geruch des heißen Sambals kitzelt meine Nase. Jedes Mal. Morgens essen wir Soto Lenthok, krümeln die leckeren Cassava-Klopse in die heiße Brühe und meine Nase läuft.

Auf der Yogamatte suche ich nach meiner einstigen Gelenkigkeit, sie riecht nach Staub, Schweiß und Füßen auch. Überhaupt nehme ich meinen Körpergeruch in der Tropenhitze wieder wahr und das ist gar nicht so schlimm. Nachmittags drehen wir eine Runde mit dem Fahrrad und kommen an einer Tischlerei vorbei. Draußen stapelt sich Holz in allen erdenklichen Formen und Größen, mein olfaktorisches Highlight jedes Fahrradausflugs.

Beißend der Kleber, mit dem der Mann das Sofa repariert. Verführerisch das neue Katzenfutter, das Kater Manfred dazu bewegt, meine Schulter zu erklimmen. Autsch.

Regentropfen wirbeln Straßenstaub auf. Nasse Erde, nasser Beton und nasse Gummiklamotten sind das Bouquet der Regenzeit. Dazwischen mischen sich in der Sonne trocknende Kissen und mein neues Kokosshampoo.
So roch er, mein Januar in Deutschland, Indonesien und dazwischen.

Wochenrückblick 4/2019

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Sonntagsstimmung.

Führerschein| Schon seit geraumer Zeit plane ich, einen indonesischen Motorradführerschein zu erwerben. Meinen automatischen Roller darf ich mit deutschem Autoführerschein gar nicht fahren, weil der Hubraum deutlich über den erlaubten fünfundfünfzig Kubikzentimetern liegt. Macht nichts, ich fahre eh schon länger nur noch als Sozia durch Jogja. Damit soll jetzt aber Schluss sein. Und so begaben wir uns heute zu dem Platz, auf dem wochentags die praktischen Fahrprüfungen abgenommen werden. Zum Üben. Anfangs eierte ich noch ziemlich unsicher durch die Gegend. Schlussendlich schaffte ich alle drei geforderten Aufgaben. Und ich wurde seit langer Zeit mal wieder um ein gemeinsames Foto gebeten. Bei (männlichen) Teenagern sag ich immer Nein, diesmal war es eine junge Mutti, mit der ich nach kurzem Zögern doch posierte. Ausnahmsweise.

Klickertraining| Unsere Katzen dürfen nicht hinaus. Motorräder, Schlangen, Skorpione, anderer Leute Brunnen und andere Leute, viel zu gefährlich! Vor allem den flauschigen Manfred wollte man uns schon mehrmals abkaufen. Tut mir leid, aber der ist unbezahlbar. In unserem alten Haus hatten wir einen kleinen, katzensicheren Garten. Jetzt muss Manfred mit einem Ausguck am Fenster vorliebnehmen. Um ihn zu beschäftigen, mach ich mit ihm ab und zu Klickertraining. Gerade gewöhne ich ihn an das spezielle Sicherheitsgeschirr, das ich ihm in Deutschland hab anfertigen lassen. Er vermisst Draußen sein sehr und ich hoffe, dass wir irgendwann mal zusammen Spazierengehen können. Einmal durfte ich schon die Bauchschnallen schließen, wir machen langsam Fortschritte.

Sprachkurs| Mein Indonesisch lässt sehr zu wünschen übrig. Nach vier Jahren im Land ist das wirklich peinlich. Gerade lerne ich mit einem digitalen Sprachkurs Vokabeln und mache langsam Fortschritte. Allein die tägliche Wiederholung verleiht mir mehr Selbstbewusstsein und ich konnte mich kurz mit meiner Schwiegermutter unterhalten. Das hat mich sehr gefreut.

Lärm| Bald wird in Indonesien ein neuer Präsident gewählt (oder kann hoffentlich im Amt bleiben). Im Rahmen des Wahlkampfs begegnen uns auf den Straßen Jogjas immer wieder Gruppen junger, schwarz gekleideter Männer auf sehr lauten Motorrädern. Sie schwenken Fahnen ihrer Partei und lassen den Motor aufheulen. Das erzeugt einen monströsen Sound, den ich selbst mit Fingern in den Ohren kaum ertragen kann. Hinter ihnen staut sich der Verkehr. Auch der Mann findet diese Kampagnen furchtbar. Damit ist er leider in der Minderheit, denn am Straßenrand stehen viele Menschen, um sich das Spektakel anzusehen. Für mich ist es nichts als Machogehabe, Aggression und Benzinverschwendung. Ach.


Wochenrückblick 3/2019

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Tropisch stricken|Ein bewährtes Mitbringsel aus Deutschland für meine Schwiegermutti sind Wollsocken. Damit ich auch meinen Spaß daran habe, kauften wir neben fertigen Socken auch ein Knäuel Sockenwolle. Und darum sitze ich nun allabendlich da und nadele mein erstes Paar Socken seit ichweißnichtwielange. Das Muster heißt Mirkwood, entworfen hat’s Rebecca Wilder.

Hühnerleber|Unser flauschiger Freund Manfred kam ziemlich dünn aus der Tierpension zurück. Ist irgendwas anders als gewohnt, verliert er schnell seinen Appetit. Wahrscheinlich war ihm auch noch sein Futter über. Leider darf Manfred nur Getreidefreies essen, weil er sonst Steinchen in der Blase kriegt. Wunderbarerweise gibt es solches Katzenfutter in Indonesien, doch die Auswahl ist nicht sehr berauschend. Und so bereitete der Mann des Katers Lieblingsessen zu, kochte Hühnerleber mit Tempeh und pürierte alles zu einem fleischfarbenen Graus. Das brachte ein bisschen Speck auf die Katerrippen. Außerdem kauften wir teures Katzenfutter einer anderen Marke, um seine Geschmacksknospen neu zu kitzeln. Es funktioniert, langsam fühlt Manfred sich nicht mehr ganz so knochig an.

Garteneinsatz|Zwischen unserem Haus und dem der Nachbarn ist ein kleiner Dreckstreifen, auf dem ein verwahrloster Jasmin, ein mir unbekannter Busch und jede Menge tiefwurzelndes Grünzeug wächst. Schon lange träume ich davon, dort Gemüse anzupflanzen. Also schwang ich heute die Hacke und schaffte es, einen einzigen Quadratmeter zu jäten, bevor die Hitze siegte und ich nach Wasser japsend vor dem Ventilator Platz nahm. Jetzt wachsend dort meine Drachenbaumstecklinge und begrenzen das zukünftige Beet zur Mülltonne hin. Apropos: Unsere Nachbarn, eine Gruppe Musikstudenten, hat die richtige Benutzung eines Mülleimers noch nicht ganz begriffen und wirft vieles daneben. Oder auch aus dem Fenster. Ein Gespräch wird bald fällig sein (noch ein guter Grund, mit neuem Eifer Indonesisch zu lernen).

Auf zwei Rädern|Ach, schon jetzt vermisse ich das Spazierengehen und die tägliche Bewegung. An einem guten Tag schaffe ich hier viertausend Schritte und davon schummeln sich mindestens eintausend beim Motorradfahren auf den Schrittzähler. Höchsterfreut stellte ich fest, dass es dem Mann auch so geht. Gestern entstaubten wir unsere Fahrräder, pumpten Reifen auf, ölten Ketten, radelten eine Runde und gerieten prompt in eine Hochzeitsgesellschaft. Außerdem winkt mir jedes Kind zu und vor lauter Nicken, Winken und Hallos kann ich kaum noch auf Straße, kopflose Hühner und Mopedfahrer*innen achten.

Das war eine gute erste Woche zurück in den Tropen. Es regnete viel, aber nicht zu viel, es gab gutes Essen (Soto Lenthok!), Katzenflausch und produktive Arbeitsstunden. So darf es gerne weitergehen.

Und noch ein Hinweis:
Die Idee mit den einem jeden Absatz vorangestellten Stichwort habe ich mir bei Frau Nessy abgeguckt, deren fabelhaften Blog ich schon seit langem lese.

Vom Ankommen

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Ein defektes Gepäckband verlängert unsere Reise auf achtundvierzig Stunden (von Tür zu Tür), beschert uns einen kostenlosen Aufenthalt in einer fancy Lounge und eine Nacht in einem Hotel in Jakarta. Es ist Samstag, als wir endlich in Yogyakarta landen. Die Fahrt durch die Stadt fühlt sich vertraut und nach Zuhause an. Das ist schön, fiel der Abschied mir diesmal doch irgendwie schwerer, als während der vorherigen Besuche.

Die Straße, in der unser Haus steht, ist sehr schmal. Darum steigen wir kurz vorher schon aus dem Taxi, wuchten die Koffer neben uns her und laufen die letzten Meter. Ich bin gespannt. Leben meine Pflanzen noch? Die kleinen Töpfe brachten wir zu meiner Schwiegermutter, doch die großen Bäume, die Aloen und die Wüstenrosen ließ ich vor der Terrasse stehen. Schon von weitem sehe ich, dass die große Guave es nicht geschafft hat. Der Srikaya, die auf Deutsch den phantasievollen Namen Zuckerapfel trägt, bekam die Zeit ohne mich so gut, dass sie gleich vier Früchte ansetzte.

Der Mann sucht den Schlüssel, den wir Mittwoch beim Packen das letzte Mal sahen, findet ihn und öffnet die Tür. Weil ein so offen gebautes Haus wie unseres nach sechs Wochen ohne Bewohner in Staub, Spinnmilben und Geckomist versinkt, haben wir diesmal eine Putzhilfe organisiert, die einige Tage vor unserer Ankunft das Haus von oben bis unten grundreinigte. Und die war jede Rupiah wehrt. Nach dem sauberen Deutschland brauche ich sowieso immer einige Tage, mich wieder umzugewöhnen. Dieses Mal gelingt es mir wesentlich schneller. Einmal fege ich noch durch und lege die Kissen in die Sonne, mehr ist nicht nötig. Der Mann zieht einige schimmlige Hosen aus dem Schrank. Ach ja, es ist Regenzeit.

Schnell das Motorrad aufgepumpt und Benzin gekauft, schon entstauben wir die Helme und fahren los zum Katzenhotel. Nina sahen wir zuletzt in der Tierklinik, mit entwürdigendem Trichter ausgestattet und einer vom Tropf grotesk angeschwollenen Pfote. Nun miaut uns eine flauschige und gesunde Mieze entgegen. Vielleicht etwas dünner als zuvor, jedoch umso verschmuster. Abwechselnd streichele ich Manfred und Nina, verteile die mitgebrachten Snackies und kann mich gar nicht sattsehen an den beiden.

Endlich sind wir wieder komplett. Die Katzen erkunden das Haus, laufen auf und ab und gucken in jede Ecke. Als müssten sie sich alles neu einprägen. Ich esse Kwetiau (der Mann war inzwischen bungkus, also Essen zum Mitnehmen kaufen), bin müde und glücklich. Wir sind angekommen.

Abschiedsspaziergang

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Noch einmal schlüpfe ich in Wollsocken, Lederschuhe, Winterjacke und stülpe die Mütze auf, an der ich erst vor wenigen Tagen die Fäden vernähte. Es weht ein kalter Wind, als ich losgehe. Erst zum Briefkasten. Eine Freundin bekommt ihre Fahrkarte wieder, die andere einen USB-Stick. Dann zur Apotheke. Ein Mittel gegen Blasenentzündung abholen. Nur für den Fall.

Und dann gehe ich weiter, den Schulweg von früher entlang. Der Wind pustet kalt durch meine Hosenbeine. Ab und zu bleibt eine Schneeflocke auf meiner Jacke sitzen, nur einen Augenblick und schon ist sie weg. Weil mein Päckchen mit dem Saatgut, dass ich letzte Woche bestellte, erst nach meiner Abreise eintreffen wird, gehe ich in eine kleine, verkramte Drogerie, die wie aus einer anderen Welt gefallen eisern den bunten Geschäften trotzt.

Eine Klingel schrillt, als ich die Eingangstür öffne. In den Regalen stehen Pflanzenschutzmittel, Zahnpasta und Schreibwaren. Vor einigen Jahren kaufte ich hier Weinhefe. Immer bin ich die einzige Kundin und es riecht, wie in der Wohnung meiner Großtante. Die Drogistin reicht mir zwei Päckchen mit Basilikumsamen und eins mit Petersilie und ich ihr zwei Euro. Beim Verlassen des Ladens bimmelt es wieder. Ich überquere die Straße und gehe weiter.

Insgeheim beäuge ich die Vorgärten und über jeden, der Kies statt Blumen vor sein Haus sät, rümpfe ich die Nase. Kies ist schlimmer als Rindenmulch und in Kombination mit Koniferen nimmt jeder Schmetterling, jede Biene Reissaus. Ach, ach. Haben die Leute vergessen, wie schön grüne Blätter und bunte Knospen sind? Dann komme ich an einem verwunschenen Haus vorbei und der Vorgartengroll ist vergessen. Hinter den alten Fenstern leuchtet es gemütlich, sicher ist es drinnen warm und behaglich. Oder bilde ich mir nur ein, dass der Ofengeruch aus dem Schornstein dieses Hauses stammt? Im Garten wuchert es. Selbst jetzt im Januar lässt sich erahnen, was hier im Sommer für ein Dschungel wachsen mag. Eine Hecke drängt den hölzernen Gartenzaun beiseite. Vor der Garage steht ein bunt bemaltes Wohnmobil. Von Kies und Koniferen keine Spur. Es schneit jetzt stärker. Eine Frau steigt aus einem neben dem Fußweg geparkten Auto aus. Dann lockt sie ihren Hund. „Biene, komm mit. Oma will nach Hause“, ruft sie. Biene will nicht, ich kann sie gut verstehen. Kalt ist es, der Schnee schmilzt in meinem Gesicht und nie schien die Tropenwärme weiter entfernt.

Fünftausend Schritte später komme ich wieder nach Hause. Zum letzten Mal für diesen Besuch. Im Koffer stapeln sich Katzenleckerlis, Wolle, Magnesiumtabletten, Schokolade und Klamotten. Das Ticket ist ausgedruckt, der Pass liegt bereit. Morgen geht der Flieger.

Gerüche des Novembers

Allmonatlich vermerkt das fabelhafte Fräulein Read On auf ihrem Blog die Gerüche des vergangenen Monats und lädt ihre Leser*innen ein, es ihr gleichzutun. Heute habe ich mich auch einmal hingesetzt und daran erinnert, wonach die vergangenen vier Wochen rochen.

Der November in Indonesien riecht nach nassen Dachziegeln, nasser Erde, nassen Sachen. Die Regenzeit beginnt. Der erste kräftige Tropenregen rüttelt den gesammelten Dreck der Trockenzeit auf unsere Köpfe und in der Küche tun sich neue Lecks im Dach auf. Und so riecht der November nach nassem Beton im Haus und nach der Freude des Katers, der die geflügelten Termiten fängt, die nach einem heftigen Regen ihren Hochzeitsflug antreten (und im Katermagen landen). Und dann die klare, saubere Luft am Abend! Eine Wohltat nach all den stickigen, heißen Tagen, an denen ich nur klebrig dasitzen und nichts tun konnte. Weil die Wäscherei unsere Klamotten nicht richtig trocknet, riecht der November unappetitlich und dumpf nach gestockten Sachen und darüber schwebt das blumige Aroma des Wäschedufts, der hier so reichlich verwendet wird. Daraufhin suchten wir eine neue Wäscherei und schon roch der November wieder gut, sobald ich das Paket mit den frisch gewaschenen Kleidern öffne.

Ganz neu riecht der November, als wir eine Freundin und ihr nur wenige Wochen altes Baby besuchen. Noch nie sah ich ein winzigeres Menschlein und der Wunsch nach einer eigenen Familie, der in mir schon viele Monate wächst, treibt neue Blüten.

Weil wir gemeinsam mit einem Video aus dem Internet Sport treiben, riecht der November nach Schweiß, meiner abgegriffenen, zerkratzten Yogamatte und Stolz auf das Erreichte. Verwundert schauen uns die Katzen zu, als wir zum ersten Mal vor dem Laptop herumspringen und die Arme durch die Luft schleudern. Beim zweiten Mal schon ignorieren sie uns nach Katzenart.

Der November riecht nach dem letzten Pesto und dem Aroma des Basilikums an meinen Händen, als ich die alten Pflanzen entsorge. Zu viele Wanzen und Blüten, neues Saatgut muss her. Der November riecht nach brennendem Bambus und dem schweren Duft der Pflanze, die nur nachts blüht. Ihr Geruch ähnelt dem neuen Parfüm, das seit kurzem in meinem Schrank steht und mich nun manchmal umsäuselt

Der November riecht auch nach Aufbruch. Nach Koffern, die beinah ein Jahr lang ungeöffnet herumstanden und Staub fingen. Nach vielerlei Listen und dem Kaffee, den ich als Mitbringsel kaufe. Zwischen all dem Trubel riecht der November plötzlich nach Angst, als die Katze wenige Tage vor Abflug schwer krank wird und nur knapp die Vergiftung überlebt. Nach dem Desinfektionsmittel in der Tierklinik und Tränen, denn vier Jahre sind viel zu kurz und sollen noch nicht enden. Nie wieder werde ich das schuldige Putzmittel anfassen (und auch danach riecht der November). Und weil ich bei all dem Herumgefahre auf dem Motorrad Schal und Sonnencreme vergaß, riecht der November nach der Salbe, die ich auf meinen Sonnenbrand streiche.

Zwei Langstreckenflüge trocknen meine Nase aus und achtundvierzig Stunden lang rieche ich gar nichts außer Nasenspray. Und jetzt, am letzten Novembertag rieche ich endlich wieder gewohnte Novemberdüfte: feuchtes Laub, das ferne Aroma eines Kachelofens, das Haus der Eltern, Gemeinsamkeit. Creme für die plötzlich trockene Haut, die Winterpullover, die ein Jahr auf mich warteten. Die schwere, lang vermisste Bettdecke hüllt mich in Wärme und den Duft nach Zuhause.

Für eine lange Viertelstunde riecht der November nach einem ungewaschenen Menschen in der Straßenbahn. Die Leute halten sich die Nasen zu, fluchen oder reisen Witze. Ich ziehe den Schal höher und schäme mich für mich und die anderen. Der Gestank der Armut, wir halten ihn aus, ohne etwas zu tun. Nur was, was können wir tun? Auch ich habe nichts gemacht. Wo waren Mitgefühl und Menschlichkeit in dieser Straßenbahn?

Hier wuchs mal ein Bambus

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Als ich unser Haus zum ersten Mal sah, fiel mir sofort die große, geräumige Terrasse auf. Und dann fiel mein Blick auf den gewaltigen Bambus, der sich auf einer kleinen Anhöhe hinter dem überdachten Brunnen erhob. Damit war für mich klar: Hier will ich wohnen.

Ich liebe Bambus. Sein gleichmäßiges Rauschen beruhigt mich. Unter einem Bambus herrscht ähnliches Licht, wie in einem Birkenwäldchen. Irgendwie behaglich und gleichzeitig ein wirksamerer Gesichtsverschönerer, als der “Beautyfication”-Modus meiner Kamera. Der Bambus, um den es hier geht, ragte sicher fünfzehn Meter hoch. Abends säuselte eine frische Brise durch seine unzähligen Blätter und stürmte es, so wogten seine mächtigen Triebe elastisch im Wind. Selbst, als es im letzten November in vierundzwanzig Stunden so viel regnete, wie in Deutschland in einem Jahr und der Sturm ums Haus pfiff, hielt der Bambus aus.

Nach jedem Regen und manchmal auch ohne hielten die Frösche Konzert zwischen den Ästen. Vögel flatterten umher und fast jeden Abend drang eine Art rhythmisches Hupen aus dem Dickicht. War es ein Singvogel, ein Frosch, eine Eule? Wir wissen es bis heute nicht.

Manchmal kamen Männer mit Leitern und Messern und hackten ein paar Bambustangen ab. Meistens Sonntags. Es gab ein furchtbares Knacken, bei dem sich mir die Haare aufstellten und dann sauste die Stange herab. Die Männer nahmen sie mit und wie es damit weiterging, weiß ich nicht. Vielleicht wollten sie daran eine Fahne befestigen oder mit ihr ein Dach stabilisieren. Bambus ist nützlich und auch in unserer Küche ruhen die Ziegel auf Bambus.

So vergingen die Monate. Die trockenen Bambusblätter bedeckten den kleinen Hof vor unserem Haus (exzellentes Mulchmaterial für meine großen Topfpflanzen) und manchmal fanden sie den Weg ins Haus. Dort zerkaute Kater Manfred sie, wenn ich sie ihm nicht rechtzeitig entreißen konnte und würgte sie später wieder hervor.

Letztens kamen die Männer mit den Leitern wieder. Doch das Knacken nahm kein Ende. Eine Stange nach der anderen fiel unter den Messern. Jeden Tag aufs Neue. Anfangs sah man dem Bambus den Verlust nicht an, so dicht war sein Wuchs. Dann wurde er allmählich lichter. Es knackte und knackte, meine Haare standen durchgehend zu Berge. Und ich wurde allmählich nervös. War der Bambushunger der Männer nicht bald gestillt? Wessen Wurzeln würden in der Regenzeit den Hang festhalten, wenn nicht die des Bambus? Den Hang, auf dem wohlgemerkt ein kleiner Friedhof liegt.

Vor einigen Tagen ging ich im Abendlicht hinaus, um die Blumen zu gießen. Etwas fehlte. Etwas fühlte sich falsch an. Und dann, zwischen dem Basilikum und den Brutblättern kam die Erkenntnis: Der Bambus rauschte nicht mehr. Weil nämlich nichts mehr davon übrig war. Auch die Frösche und das nächtlich hupende Tier waren verstummt. Einen Frosch fand ich am folgenden Tag in meiner Aloe vera. Er kauerte auf einem der dornigen Blätter und schaute mir aus goldenen Augen misstrauisch dabei zu, wie ich die Gießkanne schwenkte und meine Juwet-Bäumchen umtopfte.

Die Bambusstangen, die sich nicht für Dächer und Fahnen eigneten, verbrannten die Männer. Das knallt laut, wie ein Schuss. Auch die Wurzeln brennen sie aus, Abend für Abend lodern die Flammen und Asche fällt auf unseren Fußboden, das Geschirr, die Matratze, mein Haar. Der Qualm macht das Atmen schwer und treibt uns aus dem Haus. Die Katzen können nicht mit. Und noch eine Veränderung bemerkte ich: Der Bambus ist verschwunden und hat seinen Schatten mitgenommen. Besucht man nun um die Mittagszeit das Badezimmer, sitzt man auf dem Klo in der prallen Sonne. Unser Badezimmerdach hat nämlich eine durchsichtige Abdeckung, des Lichts wegen. Doch jetzt droht Sonnenbrandgefahr beim Duschen und anderen Erledigungen.

Inzwischen weiß ich, warum der Bambus weichen musste. Den anderen Menschen in unserer Nachbarschaft missfielen seine ständig herabfallenden Blätter. Sie wollten sie nicht länger wegfegen und beschlossen, dass eine Mauer die starken Wurzeln ersetzen solle. Ach.

Und mein beruhigendes Rauschen kommt jetzt von Youtube.

Meine Basilikum-Chroniken

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Ich glaube, ich habe noch kein Kraut so unterschätzt, wie den guten alten Basilikum (Ocimum basilicum). Kann doch nichts schiefgehen, dachte ich. Und: In ein paar Wochen gibt’s Pesto. Haha, so kann man sich täuschen.

Basilikum ist der indonesischen Küche nichts gänzlich unbekannt. Sein zitronig-frischer Verwandter Ocimum x africanum vervollständigt die Rohkostbeilage Lalapan aus Weißkohl und ein, zwei Gurkenscheibchen, die beim Pecel lele neben meinem frittierten Tempe/Gemüse/Ei liegt. Anfangs dachte ich, dass Grünzeug solle den Mundgeruch bekämpfen, der nach dem Verzehr der leider leckeren Stinkbohne Pete unvermeidbar ist. Später warf ich die Blättchen mangels Seife ins Wasserschälchen, in dem eins nach dem Essen die fettigen Hände wäscht.

Außerdem entdeckte ich, dass Basilikumsamen, genannt biji selasih, in manchen gesunden und weniger gesunden Getränken schwimmen. Sie quellen nämlich froschlaichartig auf, genau wie Chia, und haben im Grunde genommen den gleichen Nährwert. Superfood hin oder her. Chia ist nämlich auch ein Lippenblütler und seine Keimlinge sehen denen des Basilikums zum Verwechseln ähnlich. Nur Pesto, das gibt es hier nicht.

Und so säte ich frohgemut meine ersten Basilikumsamen aus, während ich mir allerlei mediterrane Nudelgerichte ausmalte, die seine würzigen Blätter bald verfeinern würden. Das war im Sommer Zweitausendundfünfzehn.

Anfangs lief alles wunderbar. Die Samen keimten hervorragend, bald schon wurde es eng im Topf. Ich vereinzelte sie mit einem alten Bleistift als Pikierstab und harrte der Dinge, die da kommen würden. Gut sahen sie aus, wie sie da in hängenden Töpfen und umfunktionierten Plastikflaschen wuchsen.

Was kam, war ein gewaltiger Wachstumsschub und darauf folgend, prächtig blühende Pflanzen. Ob das nun am Klima lag oder am Regen, wer weiß das schon. Ich ließ einige Samen heranreifen, pipelte sie aus den vertrockneten Blütenständen und gab den Pestotraum vorerst auf.

Den nächsten Versuch startete ich vor etwa einem Jahr. Neues Haus, neues Glück. Und das sorgfältig im Kühlschrank aufbewahrte Saatgut war nass geworden und musste dringend in die Erde. Dort keimte es trotz Schimmel erstaunlich gut. Als ich die jungen Pflänzchen in die eigens für diesen Zweck erworbene Multipot-Platte pflanzte, fühlte ich mich zum ersten Mal seit langem wieder als Gärtnerin. Und als sie dann groß genug waren, bezogen die kleinen Basilikums (Basiliki? Basilikumme?) zu zweit oder dritt ihre eigenen Töpfe und den Balkonkasten, der meine Pflanzversuche in Indonesien schon so lange begleitet.

Einige Zeit wuchsen die Kräuter fröhlich vor sich hin. Sie standen auf meiner Terrasse von frühmorgens bis zum Nachmittag in der Sonne, unbehelligt von heftigen Regenfällen der Regenzeit. Vorbildlich sprossen leuchtend grüne Blätter am Basilikum, kein Blüte weit und breit. Dann kamen die Minierlarven. Bis heute konnte ich nicht herausfinden, welches Tier da seine Eier ablegten. Verbissen zupfte ich regelmäßig die befallenen Blätter ab und legte sie in die Sonne, wo sie zuverlässig samt Larve eintrockneten. Gleichzeitig begann ich, alle meine Pflanzen und auch den Basilikum mit Blaukorn zu düngen. Ja Blaukorn, böses, aus Russland importiertes Blaukorn. Und das klappte ganz toll.

Die Minierlarven verschwanden, als die Pflanzen zu blühen begannen. Ich schnitt die Triebe eisern ab und als wir etwas Olivenöl ergattern konnten, erntete ich einen Arm voll Basilikum und der Mann produzierte jede Menge Pesto. Mit echtem Parmesan (hier Fanfaren vorstellen) und Erdnüssen statt Pinienkernen.

Mittlerweile mickert die Plantage vor sich hin. Jede Menge Wanzen bevölkern die Blätter, ich überlasse ihnen das Feld. Die Pflanzen sind zu alt geworden, Basilikum ist einjährig und ohne Winter wissen die Pflanzen nicht, wann Schluss ist. Bevor wir nächste Woche ins Flugzeug nach Deutschland steigen, werde ich die Gartenschere walten lassen.

Und wiederkommen, mit frischem Saatgut im Gepäck.