Zum Inhalt springen

Steffi

Liebe Oma

Du warst eine große Katzenfreundin, genau wie ich. Beim samstäglichen Kaffeetrinken saß die dicke Mimi immer neben Dir, weil sie genau wusste, dass Du ihr eine paar Krümelchen abgeben würdest. Später, als Du schon im Pflegeheim wohntest, galt Deine erste Frage immer der Mimi und ihrem Befinden.

Wir haben uns nie wirklich unterhalten, Du und ich. Mein Wissen über Dich und Dein Leben stammt aus den Erzählungen meiner Mama. Als ich klein war, warst Du schon krank und ich kann mich nicht erinnern, dass Du viel von früher erzählt hast. Vielleicht habe ich das auch nicht mitbekommen. Als Kind gab es für mich Wichtigeres, als mit der Familie am Kaffeetisch zu sitzen. Es gab auch keine gemeinsamen Unternehmungen, dafür warst Du zu unsicher auf den Beinen. Einmal waren wir im Harz zusammen, das weiß ich noch. Aber abgesehen davon fanden Ausflüge nur mit Opa statt. Ich beneidete meine Freundinnen heimlich um ihre fitten Omas, die mit ihnen nach Mallorca verreisten. Dabei wollte ich gar nicht dorthin. Eine ruhige Oma warst Du.

Einmal, da war ich noch klein, spielte ich Dir einen Streich. Es war Sommer, Du und Opa nahmt uns mit in den Schrebergarten. Wahrscheinlich hast Du auf einem dieser wackligen Klappstühle mit Stoffbezug gesessen und gelesen. Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf kam, aber ich zermatschte eine Himbeere auf meinem Knie, lief zu Dir und tat, als sei ich hingefallen. Du erschrakst und ich schämte mich plötzlich. Liebe Oma, das tut mir heute noch leid. Bitte entschuldige.

Du mochtest Weißbier und bukst den besten Käsekuchen der Welt. Die Sommernachmittage verbrachtest Du im Garten draußen, da wohntet ihr schon mit im Haus. Dort saßt Du, hast wohl in der Zeitung gelesen und bestimmt kam ab und an eine Katze vorbei. Einmal machte ich Dir und mir Erdbeermilch, serviert in einem Glas mit Zuckerrand.

Zum Geburtstag und zu Weihnachten gab es Geld von Euch Großeltern. Was ich damit als Kind gemacht habe, weiß ich nicht mehr. Gespart wohl. Im Teenageralter trug ich es immer in den Laden mit den begehrtesten Hippieklamotten der Stadt. Das war nicht billig. Meistens reichte der Inhalt einer Geburtstagskarte für ein Kleidungsstück. Gleich danach lief ich zu Dir ins Wohnzimmer und führte das neue Stück vor. Ganz stolz. Opa schlug die Hände überm Kopf zusammen. Fünfzig Euro für eine Hose! Da hätte man doch auf dem Fischmarkt … Aber Du lächeltest nur freundlich und sagtest: „Das ist aber schön.“

Ich war wohl sechzehn, als Du zu stürzen begannst. Du warst schon immer wackelig auf den Beinen, selbst mit Rollator. Einmal fielst Du vor der Haustür zu Boden, wo mein damaliger Freund Dich fand. Nicht lange danach kamst Du ins Krankenhaus. Ich habe Dich dort nie besucht. Wahrscheinlich nahmen die Oberstufe und meine erste Beziehung allen Raum ein. Du kamst nicht mehr nach Hause, sondern zogst um ins Pflegeheim.

Im Sommer nach meinem Abitur hatte ich viel Zeit und besuchte Dich häufig. Im Rollstuhl schob ich Dich übers Gelände. Wir aßen Eis, streichelten den Krankenhauskater und sahen den Kaninchen zu, die im Sommer ein Freigehege bewohnten (und die der Fuchs holte, eins nach dem anderen). Das war vielleicht die intensivste Zeit, die wir miteinander verbrachten, auch wenn es keinen wirklichen Dialog gab. Ich erzählte und Du streutest gelegentlich ein „Das ist ja schön“ ein. Und das war es auch.

Ich zog fort, studierte. Bei jedem Besuch in der Heimat, besuchte ich Dich. Allein oder mit der Familie. Wir cremten zusammen unsere Hände ein, aßen von mir für Dich geschnippeltes Obst und ich las Dir Märchen vor. Immer öfter sagtest Du „Ich kann nicht mehr“.

Kurz vor meinem Heimflug nach einem Jahr Indonesien lähmte ein Schlaganfall einen Deiner Arme und Du konntest das Bett nicht mehr verlassen. Das war vor viereinhalb Jahren. Du schliefst mehr, sprachst weniger und murmeltest oft ein „ich kann nicht mehr“ nach dem anderen. Nur beim Weihnachtsliedersingen stimmtest Du mit ein. Bei jedem Abschied bereitete ich mich darauf vor, dass ich Dich eben zum letzten Mal sah.

Im November letzten Jahres wurdest Du achtzig. Der Mann und ich waren da, frisch gelandet und frierend, aber da. Deine Augen blickten oft ins Leere, aber Deine Hand fasste erstaunlich kräftig nach meiner. Ich sah Dich an, suchte nach Dir in Deinem alten und doch so vertrauten Gesicht. Auf Dein „Ich kann nicht mehr“ antwortete ich wie immer mit „Du musst ja nicht“. Was hätte ich sonst sagen sollen?

Heute nehmen wir Abschied von Dir. Und auch wenn ich traurig bin, freue ich mich für Dich, dass Du endlich erlöst bist. Den wunden, unbeweglichen Körper verlassen und davon fliegen durftest. Vielleicht ja zur Mimi?

Wochenrückblick 11/2019

Busy busy| Puh, gerade sitze ich viel zu viel am Computer. Darum fiel auch der Rückblick letzten Sonntag aus. Nachdem es die letzten Wochen arbeitsmäßig ein bisschen mau war, habe ich mich zusammengerissen und einen neuen Auftraggeber gelandet. Und jetzt freue ich mich total auf meinen nächsten Rechnungsschreibtag 😀

Sonstige Aktivitäten| Saß ich mal nicht fleißig tippend am Laptop, wusch ich ab, aß mit dem Mann die leckersten Dinge (roti kukus! mie ayam sate! porridge mit schokoladenkern! dadar gulung! nasi uduk! srikaya vom eigenen Baum!), klickerte mit Manfred, fütterte die immer schwangerer werdende Mieze (in Anlehnung an den Besuchskater meiner Eltern nennen wir sie Charlie), goß die rasant wachsenden Physalis, beschmuste die nur nachts kuschlige Nina, stellte Eimer unter Löcher im Dach, kaufte einen neuen Schwamm für den Wischmopp, feierte einen Freundinnengeburtstag, häkelte oder fing Kröten ein.

Nächste Woche| wieder mehr.

Wochenrückblick 9/2019

Wasser marsch| Hoffte ich vorletzte Woche auf ein baldiges Ende der Regenzeit, zog die in den vergangenen sieben Tagen noch mal alle Register. Inklusive heftigem Gedonner, dass die Schränke klapperten und Herr Manfred verschreckt unterm Sofa Stellung bezog. Unser Brunnen ist ordentlich voll und obwohl eine zweite Familie daraus Wasser bezieht, ist der Druck für unsere Pumpe viel zu hoch. Öffnet man nur einen Hahn, schießt eine pulsierende Fontäne daraus hervor und versprüht Wasser, dass es eine Freude ist. Das Frischwasserbecken im Bad füllt sich binnen weniger Minuten. Ach, ich will mich ja gar nicht beschweren, schließlich ist es noch gar nicht so lange, dass wir ein Haus bewohnten, in dem es mit der Wasserversorgung nicht weit her war.

Kacke überall| Der viele Regen bringt neben Wasser auch Insekten. Und die kleinen Geckos, die in unserem Haus wohnen und den fantasielosen Namen Asiatischer Hausgecko (Hemidactylus frenatus) tragen, fressen sich kugelrund an Mücken und Fliegen. Das ist sehr freundlich von ihnen, doch leider verwandeln sie das Viehzeug in ihrem Gedärm in schwarze Würste. Und die liegen ü b e r a l l herum. Überall. Letzens war ich im Bad und duschte. Ich griff nach der Seife und just in dem Moment plumpste etwas Kacke vom Dach und landete genau darauf. Danke sehr. Zumindest das Bett bleibt sauber, seit ich es von der Wand rückte.

Viele Schritte für nichts| Einen regenfreien Abend letzte Woche nutzten wir für einen Spaziergang. Dafür machten wir eine kleine Ausfahrt zur Jalan Malioboro, eine bei Einheimischen und Tourist*innen gleichermaßen beliebte Straße zum Flanieren, Essen und Shoppen. Es gibt jede Menge Batik- und Souvenirgeschäfte und mehrere Malls. Abends ziehen Musikgruppen von einem Restaurant zum nächsten. Früher war der Fußweg ein schmales, mit Ständen zugestelltes Ding, auf dem sich die Menschen drängelten. Während parkende Motorräder und auf Fahrgäste wartende Kutschen und Becaks etwa die Hälfte des vorhandenen Raums für sich beanspruchten. Vor ein paar Jahren wurde ein großes Parkhaus gebaut, das Abstellen von Motorrädern verboten und der Fußweg deutlich vergrößert. Seitdem spaziert es sich dort ganz hervorragend. Da kommen schon vier-, fünftausend Schritte zusammen. Diesmal blieben sie ungezählt, weil mein Fitnessarmband seit drei Wochen im Umtauschprozess steckt. Jetzt merke ich erst, wie motivierend die kleine Zahl an meinem Handgelenk war.

Gerüche des Februars

Inspiriert vom famosen Fräulein Read On verfasse ich allmonatlich einen olfaktorischen Rückblick.

Der Februar in Indonesien war erstaunlich geruchsneutral. Ob es an meiner verstopften Nase lag oder dem vielen Regen, der die Luft reinwusch?

Am Anfang roch der Februar allmorgendlich nach Apfelessig, für die Verdauung. Und manchmal auch abends, wenn ich damit die Kalkseife aus meinem Haar spülte.

Der Februar roch nach auf dem Herd köchelnden Kurkumasud mit Tamarinde und Gemüsesuppe. Nach den Thymianpastillen aus Deutschland und dem unglaublich künstlichen Melonenaroma der Halsschmerztabletten aus der Apotheke. Das verschwitzte Bett nach einer Fiebernacht riecht wie ein altes Kirschkernkissen. Wie gut, dass es die tropische Sonne gibt, die das Bettzeug in kurzer Zeit auf sechzig Grad erhitzt und alle Ausdünstungen beseitigt.

Die Katzen dufteten im Februar nach dem mit Lavendel parfürmierten Katzenstreu. Früher fand ich es furchtbar, dass es keine unbeduftete Streu zu kaufen gab. Und gleichzeitig amüsierten mich die tausenden verschiedenen Varianten. Von Babypuder bis Kaffee ist alles dabei. Leider mögen es die Miezen: Als wir endlich einmal parfümfreies Katzenstreu in die Klos füllten, verweigerte Manfred die Benutzung und pinkelte lieber woanders hin. Darum also Lavendel.

Der Februar roch nach zu viel mit Kopfschmerzen am Laptop verbrachter Zeit und leichter Verzweiflung angesichts eines zu geringen Kontostands. Dazwischen mischte sich Baumwollgarn auf schwitzigen Fingern, ein kühler Frosch in meinem Gesicht und immer wieder Regendunst.

Täglich übe ich mit dem Kater, ein Geschirr zu tragen und an der Leine zu gehen. Ich darf es ihm anziehen, die Leine akzeptiert er auch meistens und er kommt zu mir, wenn ich ihn rufe. All das lernt er mit einem Klicker und aus Deutschland mitgebrachten, selbstverständlich getreidefreien Leckerlis. Aktuell besteche ich ihn mit einem Produkt aus Hühnchen und Muscheln, das einen staubig-fischigen Geruch an meinen Fingern hinterlässt.

Wir fahren quer durch die Stadt zu einem Laden, der alles was man zum Backen braucht verkauft, um Rosinen und Nüsse fürs Frühstücksporridge zu erwerben. Im Verkaufsraum kitzeln hunderte Aromen meine Nase, es riecht nach Mehl und Staub und ein wenig so, als sei mal ein Karton mit künstlicher Vanille ausgelaufen. Auch ein Block Schokolade wandert in den Rucksack, der nach nichts riecht und enttäuschend schmeckt.

Plötzlich verbreitet sich Wanzengestank. Wir laufen schnüffelnd durchs Haus und finden schließlich die Quelle des eklig-süß-beißenden Geruchs: Es ist Nina, die ganz unglücklich versucht, ihre Pfote zu säubern. Anscheinend lief sie einer Wanze über den Weg, betatzte sie und wurde mit einer Ladung Stinksaft besprüht. Wir waschen ihr Pfötchen mit den alkoholgetränkten Feuchttüchern, die den Trinkwasserkanistern beiliegen.

Instantnudeln, die nach Curry schmecken, gedämpfte Kuchen und das beste terang bulan der Stadt (eine Art fetter Pancake, in Butter ertränkt und – in diesem Fall – mit Käse bestreut) – die letzten Februartage bescheren mir Heißhungerattacken, die ich mit diversen Leckereien besänftige. Man gönnt sich ja sonst nichts.



Wochenrückblick 8/2019

Nichts los| Genau das war mit mir in der letzten Woche, denn pünktlich zum Montag wurde ich krank. Seit ich in Indonesien lebe, habe ich selbst bei kurzen Erkältungen mindestens einen Tag Fieber. Wahrscheinlich kennt mein Immunsystem auch nach vier Jahren noch nicht alle Viren, die hier so rumschwirren. Und so lag ich meistens einem Hörbuch lauschend herum, trank vom Mann gebrauten Jamu aus Kurkuma und Tamarinde und besserte mich.

Putzwahn| Sobald ich wieder halbwegs gesund bin, folgt bei mir auf mehrere Krankheitstage ein Putzanfall. Kaum war mein Kopf wieder halbwegs frei, wischte ich das Haus und brachte gemeinsam mit dem Mann die Küche auf Vordermensch. Das tat gut.

Besuchskatze| Seit etwa einer Woche wohnt auf unserer Terrasse eine Katze aus der Nachbarschaft. Alles begann mit ihrem hungrigen Miauen und einer Handvoll Trockenfutter. Inzwischen schläft sie auf unserer Bank und sobald ich auch nur meine Nasenspitze durch den Türspalt schiebe, kommt sie hoffnungsvoll angehopst. Nur: Die Miez ist eindeutig tragend und versucht mittlerweile, ins Haus zu schlüpfen. Unsere Katzen sind aber nicht durchgeimpft und so eine Streunerin – mag sie auch freundlich sein – hat Flöhe und Würmer. Wegen den Babies können wir sie nicht behandeln, also bleibt sie draußen. So leid es mir auch tut.

Gehäkelt|