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Steffi

Wochenrückblick 4/2019

Sonntagsstimmung.

Führerschein| Schon seit geraumer Zeit plane ich, einen indonesischen Motorradführerschein zu erwerben. Meinen automatischen Roller darf ich mit deutschem Autoführerschein gar nicht fahren, weil der Hubraum deutlich über den erlaubten fünfundfünfzig Kubikzentimetern liegt. Macht nichts, ich fahre eh schon länger nur noch als Sozia durch Jogja. Damit soll jetzt aber Schluss sein. Und so begaben wir uns heute zu dem Platz, auf dem wochentags die praktischen Fahrprüfungen abgenommen werden. Zum Üben. Anfangs eierte ich noch ziemlich unsicher durch die Gegend. Schlussendlich schaffte ich alle drei geforderten Aufgaben. Und ich wurde seit langer Zeit mal wieder um ein gemeinsames Foto gebeten. Bei (männlichen) Teenagern sag ich immer Nein, diesmal war es eine junge Mutti, mit der ich nach kurzem Zögern doch posierte. Ausnahmsweise.

Klickertraining| Unsere Katzen dürfen nicht hinaus. Motorräder, Schlangen, Skorpione, anderer Leute Brunnen und andere Leute, viel zu gefährlich! Vor allem den flauschigen Manfred wollte man uns schon mehrmals abkaufen. Tut mir leid, aber der ist unbezahlbar. In unserem alten Haus hatten wir einen kleinen, katzensicheren Garten. Jetzt muss Manfred mit einem Ausguck am Fenster vorliebnehmen. Um ihn zu beschäftigen, mach ich mit ihm ab und zu Klickertraining. Gerade gewöhne ich ihn an das spezielle Sicherheitsgeschirr, das ich ihm in Deutschland hab anfertigen lassen. Er vermisst Draußen sein sehr und ich hoffe, dass wir irgendwann mal zusammen Spazierengehen können. Einmal durfte ich schon die Bauchschnallen schließen, wir machen langsam Fortschritte.

Sprachkurs| Mein Indonesisch lässt sehr zu wünschen übrig. Nach vier Jahren im Land ist das wirklich peinlich. Gerade lerne ich mit einem digitalen Sprachkurs Vokabeln und mache langsam Fortschritte. Allein die tägliche Wiederholung verleiht mir mehr Selbstbewusstsein und ich konnte mich kurz mit meiner Schwiegermutter unterhalten. Das hat mich sehr gefreut.

Lärm| Bald wird in Indonesien ein neuer Präsident gewählt (oder kann hoffentlich im Amt bleiben). Im Rahmen des Wahlkampfs begegnen uns auf den Straßen Jogjas immer wieder Gruppen junger, schwarz gekleideter Männer auf sehr lauten Motorrädern. Sie schwenken Fahnen ihrer Partei und lassen den Motor aufheulen. Das erzeugt einen monströsen Sound, den ich selbst mit Fingern in den Ohren kaum ertragen kann. Hinter ihnen staut sich der Verkehr. Auch der Mann findet diese Kampagnen furchtbar. Damit ist er leider in der Minderheit, denn am Straßenrand stehen viele Menschen, um sich das Spektakel anzusehen. Für mich ist es nichts als Machogehabe, Aggression und Benzinverschwendung. Ach.


Wochenrückblick 3/2019

Tropisch stricken|Ein bewährtes Mitbringsel aus Deutschland für meine Schwiegermutti sind Wollsocken. Damit ich auch meinen Spaß daran habe, kauften wir neben fertigen Socken auch ein Knäuel Sockenwolle. Und darum sitze ich nun allabendlich da und nadele mein erstes Paar Socken seit ichweißnichtwielange. Das Muster heißt Mirkwood, entworfen hat’s Rebecca Wilder.

Hühnerleber|Unser flauschiger Freund Manfred kam ziemlich dünn aus der Tierpension zurück. Ist irgendwas anders als gewohnt, verliert er schnell seinen Appetit. Wahrscheinlich war ihm auch noch sein Futter über. Leider darf Manfred nur Getreidefreies essen, weil er sonst Steinchen in der Blase kriegt. Wunderbarerweise gibt es solches Katzenfutter in Indonesien, doch die Auswahl ist nicht sehr berauschend. Und so bereitete der Mann des Katers Lieblingsessen zu, kochte Hühnerleber mit Tempeh und pürierte alles zu einem fleischfarbenen Graus. Das brachte ein bisschen Speck auf die Katerrippen. Außerdem kauften wir teures Katzenfutter einer anderen Marke, um seine Geschmacksknospen neu zu kitzeln. Es funktioniert, langsam fühlt Manfred sich nicht mehr ganz so knochig an.

Garteneinsatz|Zwischen unserem Haus und dem der Nachbarn ist ein kleiner Dreckstreifen, auf dem ein verwahrloster Jasmin, ein mir unbekannter Busch und jede Menge tiefwurzelndes Grünzeug wächst. Schon lange träume ich davon, dort Gemüse anzupflanzen. Also schwang ich heute die Hacke und schaffte es, einen einzigen Quadratmeter zu jäten, bevor die Hitze siegte und ich nach Wasser japsend vor dem Ventilator Platz nahm. Jetzt wachsend dort meine Drachenbaumstecklinge und begrenzen das zukünftige Beet zur Mülltonne hin. Apropos: Unsere Nachbarn, eine Gruppe Musikstudenten, hat die richtige Benutzung eines Mülleimers noch nicht ganz begriffen und wirft vieles daneben. Oder auch aus dem Fenster. Ein Gespräch wird bald fällig sein (noch ein guter Grund, mit neuem Eifer Indonesisch zu lernen).

Auf zwei Rädern|Ach, schon jetzt vermisse ich das Spazierengehen und die tägliche Bewegung. An einem guten Tag schaffe ich hier viertausend Schritte und davon schummeln sich mindestens eintausend beim Motorradfahren auf den Schrittzähler. Höchsterfreut stellte ich fest, dass es dem Mann auch so geht. Gestern entstaubten wir unsere Fahrräder, pumpten Reifen auf, ölten Ketten, radelten eine Runde und gerieten prompt in eine Hochzeitsgesellschaft. Außerdem winkt mir jedes Kind zu und vor lauter Nicken, Winken und Hallos kann ich kaum noch auf Straße, kopflose Hühner und Mopedfahrer*innen achten.

Das war eine gute erste Woche zurück in den Tropen. Es regnete viel, aber nicht zu viel, es gab gutes Essen (Soto Lenthok!), Katzenflausch und produktive Arbeitsstunden. So darf es gerne weitergehen.

Und noch ein Hinweis:
Die Idee mit den einem jeden Absatz vorangestellten Stichwort habe ich mir bei Frau Nessy abgeguckt, deren fabelhaften Blog ich schon seit langem lese.

Vom Ankommen

Ein defektes Gepäckband verlängert unsere Reise auf achtundvierzig Stunden (von Tür zu Tür), beschert uns einen kostenlosen Aufenthalt in einer fancy Lounge und eine Nacht in einem Hotel in Jakarta. Es ist Samstag, als wir endlich in Yogyakarta landen. Die Fahrt durch die Stadt fühlt sich vertraut und nach Zuhause an. Das ist schön, fiel der Abschied mir diesmal doch irgendwie schwerer, als während der vorherigen Besuche.

Die Straße, in der unser Haus steht, ist sehr schmal. Darum steigen wir kurz vorher schon aus dem Taxi, wuchten die Koffer neben uns her und laufen die letzten Meter. Ich bin gespannt. Leben meine Pflanzen noch? Die kleinen Töpfe brachten wir zu meiner Schwiegermutter, doch die großen Bäume, die Aloen und die Wüstenrosen ließ ich vor der Terrasse stehen. Schon von weitem sehe ich, dass die große Guave es nicht geschafft hat. Der Srikaya, die auf Deutsch den phantasievollen Namen Zuckerapfel trägt, bekam die Zeit ohne mich so gut, dass sie gleich vier Früchte ansetzte.

Der Mann sucht den Schlüssel, den wir Mittwoch beim Packen das letzte Mal sahen, findet ihn und öffnet die Tür. Weil ein so offen gebautes Haus wie unseres nach sechs Wochen ohne Bewohner in Staub, Spinnmilben und Geckomist versinkt, haben wir diesmal eine Putzhilfe organisiert, die einige Tage vor unserer Ankunft das Haus von oben bis unten grundreinigte. Und die war jede Rupiah wehrt. Nach dem sauberen Deutschland brauche ich sowieso immer einige Tage, mich wieder umzugewöhnen. Dieses Mal gelingt es mir wesentlich schneller. Einmal fege ich noch durch und lege die Kissen in die Sonne, mehr ist nicht nötig. Der Mann zieht einige schimmlige Hosen aus dem Schrank. Ach ja, es ist Regenzeit.

Schnell das Motorrad aufgepumpt und Benzin gekauft, schon entstauben wir die Helme und fahren los zum Katzenhotel. Nina sahen wir zuletzt in der Tierklinik, mit entwürdigendem Trichter ausgestattet und einer vom Tropf grotesk angeschwollenen Pfote. Nun miaut uns eine flauschige und gesunde Mieze entgegen. Vielleicht etwas dünner als zuvor, jedoch umso verschmuster. Abwechselnd streichele ich Manfred und Nina, verteile die mitgebrachten Snackies und kann mich gar nicht sattsehen an den beiden.

Endlich sind wir wieder komplett. Die Katzen erkunden das Haus, laufen auf und ab und gucken in jede Ecke. Als müssten sie sich alles neu einprägen. Ich esse Kwetiau (der Mann war inzwischen bungkus, also Essen zum Mitnehmen kaufen), bin müde und glücklich. Wir sind angekommen.

Abschiedsspaziergang

Noch einmal schlüpfe ich in Wollsocken, Lederschuhe, Winterjacke und stülpe die Mütze auf, an der ich erst vor wenigen Tagen die Fäden vernähte. Es weht ein kalter Wind, als ich losgehe. Erst zum Briefkasten. Eine Freundin bekommt ihre Fahrkarte wieder, die andere einen USB-Stick. Dann zur Apotheke. Ein Mittel gegen Blasenentzündung abholen. Nur für den Fall.

Und dann gehe ich weiter, den Schulweg von früher entlang. Der Wind pustet kalt durch meine Hosenbeine. Ab und zu bleibt eine Schneeflocke auf meiner Jacke sitzen, nur einen Augenblick und schon ist sie weg. Weil mein Päckchen mit dem Saatgut, dass ich letzte Woche bestellte, erst nach meiner Abreise eintreffen wird, gehe ich in eine kleine, verkramte Drogerie, die wie aus einer anderen Welt gefallen eisern den bunten Geschäften trotzt.

Eine Klingel schrillt, als ich die Eingangstür öffne. In den Regalen stehen Pflanzenschutzmittel, Zahnpasta und Schreibwaren. Vor einigen Jahren kaufte ich hier Weinhefe. Immer bin ich die einzige Kundin und es riecht, wie in der Wohnung meiner Großtante. Die Drogistin reicht mir zwei Päckchen mit Basilikumsamen und eins mit Petersilie und ich ihr zwei Euro. Beim Verlassen des Ladens bimmelt es wieder. Ich überquere die Straße und gehe weiter.

Insgeheim beäuge ich die Vorgärten und über jeden, der Kies statt Blumen vor sein Haus sät, rümpfe ich die Nase. Kies ist schlimmer als Rindenmulch und in Kombination mit Koniferen nimmt jeder Schmetterling, jede Biene Reissaus. Ach, ach. Haben die Leute vergessen, wie schön grüne Blätter und bunte Knospen sind? Dann komme ich an einem verwunschenen Haus vorbei und der Vorgartengroll ist vergessen. Hinter den alten Fenstern leuchtet es gemütlich, sicher ist es drinnen warm und behaglich. Oder bilde ich mir nur ein, dass der Ofengeruch aus dem Schornstein dieses Hauses stammt? Im Garten wuchert es. Selbst jetzt im Januar lässt sich erahnen, was hier im Sommer für ein Dschungel wachsen mag. Eine Hecke drängt den hölzernen Gartenzaun beiseite. Vor der Garage steht ein bunt bemaltes Wohnmobil. Von Kies und Koniferen keine Spur. Es schneit jetzt stärker. Eine Frau steigt aus einem neben dem Fußweg geparkten Auto aus. Dann lockt sie ihren Hund. „Biene, komm mit. Oma will nach Hause“, ruft sie. Biene will nicht, ich kann sie gut verstehen. Kalt ist es, der Schnee schmilzt in meinem Gesicht und nie schien die Tropenwärme weiter entfernt.

Fünftausend Schritte später komme ich wieder nach Hause. Zum letzten Mal für diesen Besuch. Im Koffer stapeln sich Katzenleckerlis, Wolle, Magnesiumtabletten, Schokolade und Klamotten. Das Ticket ist ausgedruckt, der Pass liegt bereit. Morgen geht der Flieger.

Gerüche des Novembers

Allmonatlich vermerkt das fabelhafte Fräulein Read On auf ihrem Blog die Gerüche des vergangenen Monats und lädt ihre Leser*innen ein, es ihr gleichzutun. Heute habe ich mich auch einmal hingesetzt und daran erinnert, wonach die vergangenen vier Wochen rochen.

Der November in Indonesien riecht nach nassen Dachziegeln, nasser Erde, nassen Sachen. Die Regenzeit beginnt. Der erste kräftige Tropenregen rüttelt den gesammelten Dreck der Trockenzeit auf unsere Köpfe und in der Küche tun sich neue Lecks im Dach auf. Und so riecht der November nach nassem Beton im Haus und nach der Freude des Katers, der die geflügelten Termiten fängt, die nach einem heftigen Regen ihren Hochzeitsflug antreten (und im Katermagen landen). Und dann die klare, saubere Luft am Abend! Eine Wohltat nach all den stickigen, heißen Tagen, an denen ich nur klebrig dasitzen und nichts tun konnte. Weil die Wäscherei unsere Klamotten nicht richtig trocknet, riecht der November unappetitlich und dumpf nach gestockten Sachen und darüber schwebt das blumige Aroma des Wäschedufts, der hier so reichlich verwendet wird. Daraufhin suchten wir eine neue Wäscherei und schon roch der November wieder gut, sobald ich das Paket mit den frisch gewaschenen Kleidern öffne.

Ganz neu riecht der November, als wir eine Freundin und ihr nur wenige Wochen altes Baby besuchen. Noch nie sah ich ein winzigeres Menschlein und der Wunsch nach einer eigenen Familie, der in mir schon viele Monate wächst, treibt neue Blüten.

Weil wir gemeinsam mit einem Video aus dem Internet Sport treiben, riecht der November nach Schweiß, meiner abgegriffenen, zerkratzten Yogamatte und Stolz auf das Erreichte. Verwundert schauen uns die Katzen zu, als wir zum ersten Mal vor dem Laptop herumspringen und die Arme durch die Luft schleudern. Beim zweiten Mal schon ignorieren sie uns nach Katzenart.

Der November riecht nach dem letzten Pesto und dem Aroma des Basilikums an meinen Händen, als ich die alten Pflanzen entsorge. Zu viele Wanzen und Blüten, neues Saatgut muss her. Der November riecht nach brennendem Bambus und dem schweren Duft der Pflanze, die nur nachts blüht. Ihr Geruch ähnelt dem neuen Parfüm, das seit kurzem in meinem Schrank steht und mich nun manchmal umsäuselt

Der November riecht auch nach Aufbruch. Nach Koffern, die beinah ein Jahr lang ungeöffnet herumstanden und Staub fingen. Nach vielerlei Listen und dem Kaffee, den ich als Mitbringsel kaufe. Zwischen all dem Trubel riecht der November plötzlich nach Angst, als die Katze wenige Tage vor Abflug schwer krank wird und nur knapp die Vergiftung überlebt. Nach dem Desinfektionsmittel in der Tierklinik und Tränen, denn vier Jahre sind viel zu kurz und sollen noch nicht enden. Nie wieder werde ich das schuldige Putzmittel anfassen (und auch danach riecht der November). Und weil ich bei all dem Herumgefahre auf dem Motorrad Schal und Sonnencreme vergaß, riecht der November nach der Salbe, die ich auf meinen Sonnenbrand streiche.

Zwei Langstreckenflüge trocknen meine Nase aus und achtundvierzig Stunden lang rieche ich gar nichts außer Nasenspray. Und jetzt, am letzten Novembertag rieche ich endlich wieder gewohnte Novemberdüfte: feuchtes Laub, das ferne Aroma eines Kachelofens, das Haus der Eltern, Gemeinsamkeit. Creme für die plötzlich trockene Haut, die Winterpullover, die ein Jahr auf mich warteten. Die schwere, lang vermisste Bettdecke hüllt mich in Wärme und den Duft nach Zuhause.

Für eine lange Viertelstunde riecht der November nach einem ungewaschenen Menschen in der Straßenbahn. Die Leute halten sich die Nasen zu, fluchen oder reisen Witze. Ich ziehe den Schal höher und schäme mich für mich und die anderen. Der Gestank der Armut, wir halten ihn aus, ohne etwas zu tun. Nur was, was können wir tun? Auch ich habe nichts gemacht. Wo waren Mitgefühl und Menschlichkeit in dieser Straßenbahn?