Liebe Oma

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Du warst eine große Katzenfreundin, genau wie ich. Beim samstäglichen Kaffeetrinken saß die dicke Mimi immer neben Dir, weil sie genau wusste, dass Du ihr eine paar Krümelchen abgeben würdest. Später, als Du schon im Pflegeheim wohntest, galt Deine erste Frage immer der Mimi und ihrem Befinden.

Wir haben uns nie wirklich unterhalten, Du und ich. Mein Wissen über Dich und Dein Leben stammt aus den Erzählungen meiner Mama. Als ich klein war, warst Du schon krank und ich kann mich nicht erinnern, dass Du viel von früher erzählt hast. Vielleicht habe ich das auch nicht mitbekommen. Als Kind gab es für mich Wichtigeres, als mit der Familie am Kaffeetisch zu sitzen. Es gab auch keine gemeinsamen Unternehmungen, dafür warst Du zu unsicher auf den Beinen. Einmal waren wir im Harz zusammen, das weiß ich noch. Aber abgesehen davon fanden Ausflüge nur mit Opa statt. Ich beneidete meine Freundinnen heimlich um ihre fitten Omas, die mit ihnen nach Mallorca verreisten. Dabei wollte ich gar nicht dorthin. Eine ruhige Oma warst Du.

Einmal, da war ich noch klein, spielte ich Dir einen Streich. Es war Sommer, Du und Opa nahmt uns mit in den Schrebergarten. Wahrscheinlich hast Du auf einem dieser wackligen Klappstühle mit Stoffbezug gesessen und gelesen. Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf kam, aber ich zermatschte eine Himbeere auf meinem Knie, lief zu Dir und tat, als sei ich hingefallen. Du erschrakst und ich schämte mich plötzlich. Liebe Oma, das tut mir heute noch leid. Bitte entschuldige.

Du mochtest Weißbier und bukst den besten Käsekuchen der Welt. Die Sommernachmittage verbrachtest Du im Garten draußen, da wohntet ihr schon mit im Haus. Dort saßt Du, hast wohl in der Zeitung gelesen und bestimmt kam ab und an eine Katze vorbei. Einmal machte ich Dir und mir Erdbeermilch, serviert in einem Glas mit Zuckerrand.

Zum Geburtstag und zu Weihnachten gab es Geld von Euch Großeltern. Was ich damit als Kind gemacht habe, weiß ich nicht mehr. Gespart wohl. Im Teenageralter trug ich es immer in den Laden mit den begehrtesten Hippieklamotten der Stadt. Das war nicht billig. Meistens reichte der Inhalt einer Geburtstagskarte für ein Kleidungsstück. Gleich danach lief ich zu Dir ins Wohnzimmer und führte das neue Stück vor. Ganz stolz. Opa schlug die Hände überm Kopf zusammen. Fünfzig Euro für eine Hose! Da hätte man doch auf dem Fischmarkt … Aber Du lächeltest nur freundlich und sagtest: „Das ist aber schön.“

Ich war wohl sechzehn, als Du zu stürzen begannst. Du warst schon immer wackelig auf den Beinen, selbst mit Rollator. Einmal fielst Du vor der Haustür zu Boden, wo mein damaliger Freund Dich fand. Nicht lange danach kamst Du ins Krankenhaus. Ich habe Dich dort nie besucht. Wahrscheinlich nahmen die Oberstufe und meine erste Beziehung allen Raum ein. Du kamst nicht mehr nach Hause, sondern zogst um ins Pflegeheim.

Im Sommer nach meinem Abitur hatte ich viel Zeit und besuchte Dich häufig. Im Rollstuhl schob ich Dich übers Gelände. Wir aßen Eis, streichelten den Krankenhauskater und sahen den Kaninchen zu, die im Sommer ein Freigehege bewohnten (und die der Fuchs holte, eins nach dem anderen). Das war vielleicht die intensivste Zeit, die wir miteinander verbrachten, auch wenn es keinen wirklichen Dialog gab. Ich erzählte und Du streutest gelegentlich ein „Das ist ja schön“ ein. Und das war es auch.

Ich zog fort, studierte. Bei jedem Besuch in der Heimat, besuchte ich Dich. Allein oder mit der Familie. Wir cremten zusammen unsere Hände ein, aßen von mir für Dich geschnippeltes Obst und ich las Dir Märchen vor. Immer öfter sagtest Du „Ich kann nicht mehr“.

Kurz vor meinem Heimflug nach einem Jahr Indonesien lähmte ein Schlaganfall einen Deiner Arme und Du konntest das Bett nicht mehr verlassen. Das war vor viereinhalb Jahren. Du schliefst mehr, sprachst weniger und murmeltest oft ein „ich kann nicht mehr“ nach dem anderen. Nur beim Weihnachtsliedersingen stimmtest Du mit ein. Bei jedem Abschied bereitete ich mich darauf vor, dass ich Dich eben zum letzten Mal sah.

Im November letzten Jahres wurdest Du achtzig. Der Mann und ich waren da, frisch gelandet und frierend, aber da. Deine Augen blickten oft ins Leere, aber Deine Hand fasste erstaunlich kräftig nach meiner. Ich sah Dich an, suchte nach Dir in Deinem alten und doch so vertrauten Gesicht. Auf Dein „Ich kann nicht mehr“ antwortete ich wie immer mit „Du musst ja nicht“. Was hätte ich sonst sagen sollen?

Heute nehmen wir Abschied von Dir. Und auch wenn ich traurig bin, freue ich mich für Dich, dass Du endlich erlöst bist. Den wunden, unbeweglichen Körper verlassen und davon fliegen durftest. Vielleicht ja zur Mimi?

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