Steffi

21. November 2019 – Langweiliger Donnerstag mit Rückwärtsstricken

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Zum ersten Mal seit Tagen morgens nicht verschwitzt aufgewacht. Okay, das erste Erwachen fand morgens um fünf statt, weil Herr Manfred beschlossen hatte, dass es jetzt Zeit zum Frühstücken war und er gemütlich auf meinem Bauch Platz nahm. Es ist immer sehr niedlich, wie er dann das Guling durchknetet und gleichzeitig versucht, mich aus dem Bett zu schubsen.
Frühstück mit etwas merkwürdig aussehenden Bananen mit rindenartiger Schale. (Die Phytopathologin in mir möchte unbedingt wissen, was das ist, der Rest ärgert sich einfach nur, weil die Früchte darunter hart und sauer sind*.) Dazu richtig guter Kaffee aus Banyuwangi**. Das ist ein Ort ganz am östlichen Ende Javas, gegenüber von Bali.

Die Zeit am Schreibtisch zog sich heute hin, ich neigte arg zur Prokrastination. Dabei weiß ich genau, dass ich mich selbst um meine Zeit betrüge und am Ende nur frustriert und schlecht gelaunt bin. Aber manchmal kann eins einfach nicht raus aus seiner Haut. Nach dem Abendbrot (Nudeln mit Käääääse!) ließ ich den Rechner Rechner sein und suchte mein Strickzeug wieder raus.

Es war zwar immer noch zu heiß zum Stricken, aber wenigstens schaffte ich es, anderthalb Runden rückwärts Masche für Masche aufzulösen, um einen Fehler auszubessern. Der bestand überraschenderweise in einer Extramasche, die ich irgendwie aus einem Querfaden herausgestrickt hatte. Während der große Ventilator frische Abendluft ins Haus pustete, nähte ich dann noch einen Knopf an meine selbstgehäkelte, leider etwas schiefe Hülle fürs schlaue Telefon. Dazu guckte ich Youtubevideos.

Gartenupdate | Im Pflanztray haben sich inzwischen vier Sonnenblumensämlinge entfaltet, zwei kleine Katzenminzen sollten sich bis morgen aufgerichtet haben. Und die große Wüstenrose hat ganz vielleicht eine Frucht in Arbeit. Ich hoffe es sehr. Sie blüht zwar, genau wie meine anderen Wüstenrosen, andauernd, aber irgendwie wird es nie was mit Samen. Ich hab leider die Bestäubung von Wüstenrosen nicht ganz verstanden, brauchen sie Insekten dafür, die es hier nicht gibt? Ich sehe tatsächlich nie irgendwas an den Blüten krabbeln, aber an Bestäubungspartnern mangelt es sicher nicht – Wüstenrosen gehören hier zur Standardausrüstung eines Hauses.
Im Topf meiner Srikaya wächst neben einem verspäteten Kapokbaum irgendwas Krautiges mit winzigen und sehr hübschen blauen Blüten. Was das wohl nun wieder ist?

*Eben kurz gegoogelt und statt der ersehnten Antwort eine Anleitung zur Herstellung von Dünger aus Bananenschalen gefunden. Note to self: Ausprobieren!
**Und eben hab ich festgestellt, dass der Ortsname duftendes Wasser bedeutet. Sprachenlernen rocks!

18. bis 20. November 2019 – Was schön war

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Wirklich lecker gegessen | Selbst gekochte Mie goreng, Nudeln mit echtem Käse aus unserem Vorrat und jeweils die Reste am nächsten Tag. Und kennt ihr dieses herrliche Gefühl, wenn ihr snacken wollt und eine volle Packung leckerste Kuchen im Kühlschrank entdeckt? Ich liebe es, wenn mich mein schlechtes Gedächtnis überrascht.

Pflanzbeobachtungen | Es dauerte nur vierundzwanzig Stunden, bis sich die ersten Sämlinge regten. Ich hatte eigentlich auf die Sawo getippt, aber dann haben doch die Sonnenblumen das Rennen gewonnen, dicht gefolgt von der Katzenminze*. Mal sehen, wann die anderen nachziehen. Vor allem bei Banane und Zierlauch hege ich große Erwartungen.

Kühle Abendluft | Tagsüber ist es weiterhin unglaublich heiß, von ergiebigem Regen keine Spur. Es ist echt übel. Abends reißen wir Türen und Fenster auf und lassen den großen Ventilator das Haus ordentlich durchpusten. Meistens steht das Thermometer aber trotzdem auf 30 °C, und das um Mitternacht. Am Mittwochabend schaffte ich es zum ersten Mal, das Haus auf 28 Grad abzukühlen.

Katzenliebe | Ok, das Bild ist schon ein paar Tage alt. Aber sie kuscheln**!

*Auf der Packung steht was von Keimung innerhalb von zwei Wochen. Hier warens gerade mal zwei Tage.
**Naja, nicht wirklich. Da war Nina noch rollig und wollte ständig Manfred beschmusen.

15. bis 17. November – Müll, Jazz, Nudelauflauf

An meinen freien Tagen bleibt der Rechner oft aus, darum bin ich mit den Tagesrückblicken immer ein wenig in Verzug.

Freitag | Heute flatterte mir dieser Artikel in die Timeline. Für die, die kein Englisch können oder nicht draufklicken wollen: Westliche Länder, darunter Australien, England, Italien, Irland oder die USA, exportieren ihren Müll nach Indonesien (und in andere Länder Südostasiens). Deutschland übrigens auch. Das steht nicht im verlinkten Artikel, wird aber beispielsweise hier erwähnt.
Dieser Müll (vor allem Plastik und Verbundstoffe aus Papier und Plastik) soll offiziell recycelt werden, wird jedoch zum Großteil verbrannt. Zum Beispiel als Treibstoff in einer Tofufabrik. Eine Gruppe Umweltaktivist*innen hat Eier freilaufender Hühner aus der Gegend untersucht und darin Dioxine sowie Chemikalien gefunden, die Kunststoffen als Flammschutzmittel zugesetzt werden (PBDEs und SCCPs). Ein Ei enthielt die siebzigfache Menge der in der EU erlaubten Höchstmenge an Dioxin (die liegt bei 2,5 Petagramm, 1 Petagramm ist 1 Billionstel Gramm).
Solche Nachrichten machen mich wütend und zwar auf uns Westler*innen und vor allem auf das System, dass uns vorgaukelt, all unserer Müll würde fein säuberlich aufgearbeitet und wiederverwendet, wenn wir ihn nur ordentlich trennen. Das stimmt nämlich nicht. Vorher landete der Scheiß in China und jetzt eben in Südostasien. Immer wieder lese ich Nachrichten von Containern voller häufig toxischem Müll aus Europa oder Nordamerika, die entdeckt und an die Ursprungsländer zurückgeschickt wurden.
Und dann kommen westliche Reisende nach Indonesien und sind ob der vermüllten Straßenränder entsetzt. Oder sie schicken Schüler*innen nach Sumatra, um dort ein Dorf aus Müll zu bauen. Wenn das nicht nach White Saviourism klingt, was dann?
Klar ist der Zustand der Natur hier schlimm. Die Waldbrände, die überlaufenden Müllkippen, die Menschen, die darin nach Verwertbarem suchen. Doch vielleicht sollten wir uns einfach mal an unsere eigene Nase fassen. Die europäischen Verbraucher*innen sind nicht schuld an der Umwelt- und Klimakatastrophe, die Regierungen sind es. Also tut was. Unterstützt Fridays for Future, unterschreibt die Petition der FFF-Bewegung an die EU, informiert euch, geht wählen, tut, was in eurer Macht steht und passt auf euch auf.
Ach, dieses Thema macht mich wütend, ängstlich und müde zugleich. Was soll nur werden?

Samstag | Heute standen wir etwas früher als gewöhnlich auf, weil ich schon halb zehn meine nächste Unterrichtsstunde hatte. Das klappte gut und auch der Sprachunterricht war wieder super. Ich lernte den Unterschied zwischen tidak, bukan und jangan sowie wann eins kita und wann kami sagt. Diesmal verfiel mein Gehirn anschließend nicht in konstantes Rattern und ich konnte mich noch etwas der Lohnarbeit zuwenden. Bisher übrigens weiterhin kein Lektoratsauftrag. Hoffentlich kommt bald einer, sonst verlerne ich die ganzen Tricks wieder.
Abends dann schwangen der Mann und ich uns aufs Moped und fuhren zu einem großen Jazzfestival. Das gibts schon seit vielen Jahren und doch haben wir es noch nie zusammen dorthin geschafft. Jetzt aber. Das Festival heißt Ngayogjazz, ist kostenlos und dauert nur einen Tag.
Hier ein kleiner Einblick vom Festivalgelände und der Eröffnungszeremonie bei Tageslicht für euch:

Es war ziemlich voll, aber wunderbar, mal wieder Livemusik zu hören und ein bisschen mitzuwippen (weil niemand tanzte hab ichs auch nicht getan). Freund*innen waren da und eine Band hatte es mir besonders angetan. Leider habe ich vergessen, wie sie heißt, da muss ich noch mal googlen.
Bei aller Freude war die Atmosphäre nicht ganz so ausgelassen, weil der Veranstalter des Festivals erst vor wenigen Tagen verstarb. Alle Bands, die wir sahen, sagten ein paar Worte oder spielten seine Musik.

Sonntag | Seit Wochen haben wir nicht mehr vernünftig gekocht. Das wollten wir heute ändern und fuhren zum nahen Gemüseladen, in dem so ziemlich alle Dinge des täglichen Bedarfs verkauft werden. Es ist aber kein Supermarkt, alles ist ein bisschen chaotisch und es gibt auch keine Kasse, geschweige denn wird brav in der Schlange gewartet. In unseren Korb wanderten Tomaten, Kartoffeln, Pak Choy, Zwiebeln und ein Brokkoli, in dessen Innenleben ich später mindestens fünf Raupen fand. Außerdem schlug der Mann vor, doch unterwegs nur Indonesisch zu sprechen. Ich freute mich sehr über sein Angebot, allerdings war er es, der viel zu schnell aufgab, weil es „zu stressig“ sei. Na, das üben wir noch mal. Dafür entdeckte ich, dass ich die meisten Verkaufsgespräche verstehen konnte, ganz ohne aktiv zuhören zu müssen. Allein dafür lohnt sich der Sprachunterricht.
Zuhause kochten wir einen Nudel-Kartoffel-Tomatenauflauf mit echtem Gouda aus dem Lidl. Dazu grünes Gemüse, Tomatensoße und für den Herrn gegrillte Würstchen. War das lecker! Zwischendurch regnete es erstaunlicherweise, aber viel zu kurz, der Boden wurde nicht mal richtig nass.
Nach dem Essen war noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Sonnenuntergang, also beeilte ich mich, in meine Gartenhandschuhe zu kommen und den Pflanzerdesack aus dem Schuppen zu zerren. Unter dem gestrengen Blick des Einbrecherkaters füllte ich meine Anzuchtplatte mit frischer Erde und steckte Samen der folgenden Pflanzen hinein: Rambutan, Srikaya, Sawo (auf deutsch: Breiapfelbaum. Wer hat sich diese Namen nur ausgedacht?), Banane, Katzenminze, Zierlauch, Zitrone und Sonnenblumen. Letztere schenkte mir ein Nachbar, das war supernett.
Und abends holte ich mein Strichzeug raus und strickte ein paar Runden an den Socken, die ich meiner Schwiegermutter zum Geburtstag schenken will. Einen Monat hab ich noch.

14. November 2019 – Hausaufgaben

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Heute klappte das mit dem frühen Aufstehen nicht ganz so gut, erst kurz nach acht wankte ich mit der Zahnbürste* ins Bad und machte dann Frühstück. Nina hat sich seit gestern endlich wieder normalisiert (kein nächtliches Gekreiche mehr!), dafür will sie auch nicht mehr morgens kuscheln.
Anschließend setzte ich mich an den Schreibtisch, der Mann werkelte mal wieder am Motorrad. Heute flutschte das Schreiben ganz gut, wahrscheinlich, weil das Thema in meinem Gehirn schon ziemlich ausgelatscht ist. Ich beschäftige mich damit sicher zum fünften oder sechsten Mal. Außerdem unterhielt ich mich kurz mit meiner Sprachlehrerin und vereinbarte einen Termin für die nächste Unterrichtsstunde.
Zum späten Mittag aßen wir Soto, dazu Frühlingsrollen und Risoles. Leider missfiel irgendein Essensbestandteil meinem Körper sehr, so dass ich mehr Zeit im Bad verbringen musste, als mir lieb war. Dazu kamen Magenkrämpfe, also legte ich mich ein bisschen hin. Zum Glück halfen die Kohletabletten schnell und nach zwei Stunden war der Spuk vorbei.
Am frühen Abend fuhr der Mann zu seiner Familie, ich werkelte noch ein bisschen am Text herum, machte dann den Computer aus, sperrte alle Katzen ein und öffnete Türen und Fenster weit, um die frische Abendluft hereinzulassen. Zweimal hat es bisher geregnet, zuletzt enttäuschend kurz am Mittwochabend. Es ist schlimm, die Wasserknappheit in vielen Gegenden nimmt zu und die Reisanbau Betreibenden können noch immer nicht pflanzen. Dafür ist die Luft drückend heiß.
Inzwischen gieße ich die Pflanzen erst, wenn es dunkel ist und auch nur alle zwei Tage, dafür aber reichlich. So kommt hoffentlich mehr bei ihnen an und es verdunstet nicht die Hälfte sofort.
Am Morgen hatte ich mit großer Freude entdeckt, dass mein tot geglaubter Granatapfel neu austrieb. Da er seinen Topf mit einem inzwischen riesigen Brutblatt teilt (die Dinger sind ü b e r a l l ), topfte ich ihn kurzerhand um und steckte gleich noch ein paat Granatapfelsamen mit in die Erde. Nur für den Fall. Alles unter den gestrengen Blicken des Einbrecherkaters, der lässig auf dem Terrassentisch ruhte.
Und dann machte ich endlich meine Indonesischhausaufgaben. Ich habe auf dem Telefon eine Karteikarten-App, in die ich alle unbekannten Vokabeln eintrug. Außerdem beschäftigte ich mich mit der Vorsilbe ber-, bis der Mann nach Hause kam, mit Mango und Rambutan im Gepäck.

*Da es in unserem Bad keine trockenen und geckokackesicheren Abstellmöglichkeiten gibt, lagere ich meine elektrische Zahnbürste im Arbeitszimmer.

13. November – Planänderung

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Heute schaffte ich es endlich, früh aufzustehen. Auch dank Manfred, der mich kurz vor sieben wecken kam. Nach der Katzenfütterung beschloss ich, wach zu bleiben und mich an den Rechner zu setzen. Ein Text wollte beendet und die Bilder für 12 von 12 hochgeladen werden. Ich schrieb anderthalb Stunden lang, dann erwachte der Mann und erzählte mir kurz darauf, dass sein Onkel in der Nacht verstorben war. Er fuhr dann gleich zu seiner Familie, während ich unser Frühstück vorbereitete. Als er wiederkam, stand der Plan für den Tag fest. Beerdigungen finden hier nämlich so schnell wie möglich statt, meist noch am gleichen Tag, und es war für uns klar, dass wir hingehen.
Ich habe den Onkel, der ein berühmter Musiker und Komponist war, nur einmal getroffen. Da war ich noch Darmasiswa-Studentin und er hat mich ein bisschen darüber ausgefragt, was ich an der Kunsthochschule so lerne. Vom Mann weiß ich, dass er ein in der Gemeinschaft hoch angesehen und zu allen Menschen freundlich war. Sein Tod kam ganz plötzlich, er war erst Mitte fünfzig.

Jedenfalls kamen sicher an die Tausend Menschen zur Trauerfeier. Die Straßen waren mit Autos verstopft. Wir parkten das Motorrad am Haus der Schwiegerfamilie. Dort wurde ich noch mit einer schwarzen Bluse ausgestattet und dann liefen wir los. Die Feier fand in einem Art Space statt. Dort werden normalerweise Konzerte und Performances veranstaltet, es gibt eine Galerie und eine Tanzschule. Und eben Platz genug für die vielen Menschen, die sich verabschieden wollten.
Es war sehr voll und sehr heiß und ziemlich emotional. Nach der Messe gab es noch einige Ansprachen, unter anderem von einem ehemaligen Minister.
Anschließend zogen wir weiter zum Friedhof. Der liegt auf einem Berg, vielleicht einen Kilometer vom Ort der Trauerfeier entfernt. Wir gingen zu Fuß, weil es in all dem Verkehrchaos sicher noch anstrengender gewesen wäre, erst das Moped zu holen. Und die Bewegung tat uns trotz Hitze gut.
Auf dem Friedhof drängten sich alle ums Grab, wir hielten ein bisschen Abstand. Für mich ein wenig befremdlich war es, dass viele Leute den Moment der eigentlichen Beerdigung mitfilmten. Dann habe ich mich daran erinnert, dass ich, als wir im letzten Sommer auf Bali am Ngaben, der hinduistischen Verbrennungszeremonie, teilnahmen, auch viele Fotos gemacht habe.

Alles in allem war es ein sehr anstrengender Tag. Wirklich traurig war ich nicht, ich kannte den Onkel ja kaum. Eher betroffen, wie schnell es doch manchmal vorbei sein kann. Was mich bedrückt, ist diese rasante Beerdigung (auch wenn ich natürlich verstehe, dass es in dieser Tropenhitze wahrscheinlich notwendig ist). In Deutschland vergehen ja meistens einige Wochen bis zur Beerdigung. Natürlich ist di*er Verstorbene dann auch schon weg. Aber vielleicht können sich die Angehörigen noch einmal am Sarg verabschieden und haben überhaupt ein bisschen mehr Zeit, sich auf den finalen Abschied vorzubereiten.
Hier lassen die Menschen alles stehen und liegen, wenn jemand stirbt. Sie versammeln sich sofort im Haus der betroffenen Familie. Das finde ich einerseits schön, weil dadurch niemand mit seiner Trauer allein sein muss. Andererseits erwarten die Gäste Bewirtung, so dass die Familie sich darum kümmern muss.
So hat eben jede Kultur ihre Art, mit dem Tod umzugehen. Da gibt es kein besser und schlechter, denn das ist immer schwer.



9. bis 11. November – Jammern, Bier, Sticken.

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CN: Im Laufe dieses Texts werde ich die Menstruation und PMS thematiseren.

Der Samstag war kein guter Tag. Ich erwachte schlapp und aufgedunsen und fühlte mich, als hätte ich den falschen Körper an. Von Konzentration keine Spur, stattdessen lag ich irgendwann mit der leider immer noch rolligen Nina auf dem Fußboden, ließ mich bekuscheln und heulte ein bisschen. Klassisches PMS, das mich diesmal etwas kalt erwischte, hatte ich es doch erst in ein, zwei Tagen erwartet. Tja nun. Arbeiten war so nicht möglich, dafür recherchierte ich nach Linderungsmöglichkeiten, weil so schlimm war es schon lange nicht mehr. Ich war sogar bereit, dem in meinem NFP-Forum heiß diskutierten Mönchspfeffer eine Chance zu geben. Und tatsächlich fand ich ein pflanzliches Medikament für Menstruationsgedöns, mit Agnus castus, Tamarinde, Kurkuma und noch so Allerlei. Ich teilte dem in der Motorradwerkstatt weilenden Mann meinen Einkaufswunsch mit, machte den Rechner aus, legte mich wieder zur ebenfalls von Hormonen gebeutelten Nina und tat mir selber leid. In Deutschland hätte ich mich in so einer Stimmung ins Bett gelegt, aber bei 33 Grad im Haus macht das auch mit Ventilator keinen Spaß. Später kam der Mann heim, brachte Essen und meine Jamu-Pillen mit. Dann fuhren wir zum Warnet (Warung Internet, also ein Internetcafé), um unsere externe Festplatte mit neuen Filmen und Serien zu füllen*. Letzteres ist seit einigen Wochen mit Schwierigkeiten verbunden. Unser Stamm-Warnet hatte Serverprobleme und dadurch keinen Zugriff auf seine umfassende Seriensammlung. Wir wichen auf andere Cafés** aus, deren Auswahl im Vergleich dazu eher kläglich war. Was für Luxusprobleme.
Sonntag fühlte ich mich weiterhin wie ausgekotzt (sorry not sorry), der Ruby Cup blieb weiterhin leer. Dabei sehnte ich das Einsetzen der Blutung so sehr herbei, auch wenn das bedeutete, schmerzende Brüste und Heulanfälle gegen fiese Krämpfe und Übelkeit zu ersetzen. Wir frühstückten auswärts (Soto Lenthok) und puzzelten danach jeder für sich im Haus herum. Der Mann mixte eine neue Geschmacksrichtung für den Vaporizer zusammen, ich holte das letztens angefangene Stickzeug wieder raus und rückstichelte vor mich hin. Das war sehr gemütlich und ich begann mich langsam etwas besser zu fühlen. Auch wenn die Kräuterkapseln keine Wirkung zeigten.
Am Abend besuchten wir ein Vape-Meeting in einem Hotel. Ich hatte zugestimmt mitzukommen, um mich abzulenken und in der Hoffnung, mein Indonesisch zu üben. Doch kaum waren wir da, wünschte ich heimlich, ich wäre zu Hause geblieben. Wie schön wäre es doch gewesen, einen ruhigen Abend mit meinem Stickzeug zu verbringen. Das anwesende Publikum war zu 95 Prozent männlich und 90 % betrunken. Denn es gab Bier zu gepfefferten Preisen, mein kleines Bali Hai kostete so viel, wie ein reichliches Essen für zwei am Straßenrand. Nun ja, wenigstens war die Musik gut. Wir blieben nicht allzu lang, so dass ich immerhin noch vor Mitternacht ins Bett kam.
Montag war für mich noch Feiertag und endlich endlich konnte ich einen neuen Zyklus beginnen. Nummer einundvierzig übrigens seit ich die Methode Sensiplan anwende. Ich räumte endlich mal das Bad auf und mein Zimmer auch. Wir besuchten außerdem meine Schwiegermutter, kauften Gudeg zum Abendessen und verbrachten ansonsten einen völlig unspektakulären und unglaublich heißen Tag. Bisher hat es nur einmal geregnet, es herrscht akute Wasserknappheit in vielen Regionen und doch redet weiterhin keiner von der Klimakatastrophe. Ich verstehs nicht.
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Am Samstag ist der Vulkan Merapi mal wieder ausgebrochen (Link indonesisch). Ich habs erst gemerkt, als #merapi auf Twitter trendete, von hier aus ist der Berg eh beinah nie zu sehen und die Asche schaffte es gar nicht bis zu uns. Nochmal zu Beruhigung: Der Sicherheitsradius beträgt drei Kilomter vom Gipfel aus. Wir wohnen laut Google Maps um die fünfzig Kilometer entfernt.

*Ja, Datenschutz, ich weiß. Wir laden nichts selber runter, sondern nutzen lediglich die Sammlung des Warnets. Die ist sehr beeindruckend, ich habe dort sogar den Klassiker M von Fritz Lang gefunden.
** Das Wort Café ist an dieser Stelle irreführend, aber mir fällt grad kein passendes Synonym ein. Ein Warnet besteht aus vielen kleinen Kabinen, in denen ein Computer steht und zwei Leute sitzen können. Für deren Nutzung zahlt eins pro Stunde um die 5000 IDR, Snacks und Getränke können separat bestellt werden.

8. November 2019 – Volles Gehirn

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Heute stand ich etwas eher auf als sonst, weil der Abwasch gestern liegengeblieben war und ich eh etwas aufgeregt war. Denn heute sollte meine erste Indonesischstunde stattfinden. Hier bei uns zu Hause.
Und es war super. Nach anderthalb Stunden intensivem Gespräch mit der sympathischen Lehrerin hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Ich kann indonesisch sprechen. Ich kann mich verständigen, auch wenn mir noch viele Vokabeln und Regeln fehlen. Aber dazu nehme ich ja jetzt Unterricht. Ich hab’s sogar irgendwie geschafft, den Halbkugelversuch von Otto von Guericke zu erklären, weil sie gefragt hat, welches typische Essen es in meiner Heimatstadt Magdeburg gibt und mein Gehirn aus welchem Grund auch immer als erstes die Magdeburger Halbkugeln aus Schokolade ausgespuckt hat. Danke auch. Andererseits war das sicher noch leichter, als Braunkohl mit Klump oder Pottsuse zu beschreiben.
Jedenfalls war nach den neunzig Minuten mein gesamtes Konzentrationskontingent des Tages alle. Mein Kopf sendete weißes Rauschen, gemischt mit englischen, deutschen und indonesischen Sätzen. In welcher Sprache denke ich noch mal? Und mit einem Bauch voll Gudeg war es dann ganz vorbei für heute. Ich schaffte mit Müh und Not eine Stunde am Rechner und kümmerte mich dann lieber um Dinge, die automatisch gehen: Bett beziehen, Abwaschen, Katzen kämmen (keine Flöhe! keine frischen Flohkrümel!), Blumen gießen. Und um zehn lag ich ein bisschen kaputt im Bett.


Wiederentdeckt |

7. November 2019 – Terang Bulan

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Morgens als erstes die Katzen nach Flöhen abgesucht – und nur tote gefunden. Das Zeugs wirkt also, diesmal glücklicherweise ganz ohne Sabbern. Dafür ist die Dosierung niedriger und eine zweite Behandlung übernächste Woche nötig. Dann erwischen wir auch die Flöhe, die jetzt noch Eier sind. Komischerweise bin ich bei diesem Thema total ruhig. Der Mann vermutet gerade hinter jedem Mückenstich einen Floh, aber ich bin zuversichtlich, dass wir den Befall früh genug entdeckt haben. Und ich hab auch keinen einzigen Stich, das macht es noch mal leichter für mich.
Workworkwork ging heute etwas zäh voran. Als mein Denken völlig zum Erliegen kam, schnappte ich mir unser Staubsaugerchen und saugte die Lieblingsschlafplätze der Tiere ab.
Mit ausreichend zeitlichem Abstand zum Abendessen (Gudeg!) übte ich Yoga. Damit hatte ich zwei Tage halsschmerzbedingt ausgesetzt. Anschließend fuhren wir die Schwiegermutti (Katze der Schwiegerfamilie ebenfalls flohfrei) besuchen. Meine Unterhaltungen mit ihr beschränken sich leider auf den Austausch einiger weniger Informationen*. Ich hoffe sehr, dass mir der Indonesischunterricht helfen wird, bald etwas umfassendere Gespräche führen zu können.
Lutealphase sei Dank hatte ich einen süßen Zahn und da hilft nichts besser als terang bulan. Das ist eine Art fluffig-dicker Eierkuchen mit Topping nach Wahl mit süßer Kondensmilch und Butter. Also ein wirklich mächtiger Snack. Wir entschieden uns für Schokostreusel und Käse. So lecker! Und während wir so am Esstisch saßen und das terang bulan verspeisten, rummste es in der Küche – und da stand der rüpelhafte Besuchskater. Hatte er es doch tatsächlich durch das wirklich hohe Belüftungsloch geschafft, dass wir wegen „Da kommt der niemals hin“ unverstopft gelassen hatten. Ich setzte den Kerl an die frische Luft und dann versiegelten wir auch dieses Einschlupfloch. Damit sollte unser Haus nun wirklich einbruchsicher sein.

*Essen, Katzen, Wetter

6. November – Ungebetene Gäste

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Gegen drei Uhr morgens weckte mich lautes Katzengeschrei. Draußen gibt es häufiger Keilereien, doch es klang irgendwie nah und anders, also stand ich auf, um nach den Flauschis zu sehen. In der Küche kam mir eine verstörte Nina schon entgegen. Und unterm Herd in einem Wirbel aus Fell – Manfred und der Besuchskater. Mein verschlafenes Hirn brauchte kurz, um zu realisieren, dass hier ein fremder Kater im Haus war, meine Hände waren schneller und schnappten Manfred aus dem Kampfgetümmel (gefährlich! nicht nachmachen!). Ich sperrte ihn in seinen Käfig und lief, den Mann wecken. Das dauerte einen Augenblick. Zusammen schafften wir es, Nina in meinem Arbeitszimmer einzuschließen, den Eindringling zu fangen und aus dem Haus zu befördern. Durchatmen. Dann die Frage: Wie war der Kater reingekommen? Kommt er wieder? Können unsere Katzen raus? Mit Taschenlampen leuchteten wir die Türen, Fenster und vor allem das leicht lückige Küchendach ab. Das schließt in einer Ecke nicht bündig mit der Wand ab. Durch den Spalt könnte eine wendige Katze durchschlüpfen, das schien uns die einzige Möglichkeit (Spoiler: Falsch gedacht).
Wir checkten noch kurz die Miezen, die waren okay, aber ziemlich verstört. Manfred hatte ordentlich Fell gelassen, ich sammelte die überall in der Küche herumfliegenden Büschel ein. Die restliche Nacht verbrachten die Beiden zur Sicherheit im Käfig.
Am Morgen untersuchte ich Manfred nochmals nach Wunden und fand: Flöhe. Erst die typischen schwarzen Krümel in Hautnähe (Flohkacke, also getrocknetes Blut), dann sah ich es in seinem Nacken huschen. Nicht das noch. Bei Nina das gleiche Ergebnis. Mist. Auch deren Herkunft war uns ungewiss. Entweder vom Besuchskater, der schon öfter mal durch die offene Haustür hereinspaziert kam und bei der Gelegenheit vielleicht ein paar Floheier fallenließ. Oder von der Katze der Schwiegerfamilie, die Freigängerin ist und gerade ziemlich verfloht. Ein paar Haare an unseren Klamotten genügten wahrscheinlich.
Und so machten wir nach dem Frühstück einen Ausflug zum Tierladen. Unsere letzte Floherfahrung liegt schon ein paar Jahre zurück, doch uns beiden noch in lebhafter Erinnerung. Damals hatten wir tagelang juckende Stiche an den Beinen und probierten jedes Hausmittel durch, bevor wir uns endlich das teure Antiflohmittel zum Auftropfen leisteten. Denn: Hausmittel bringen nichts. Kokosöl, Shampoo, Kämme, alles Quatsch. Darum entschieden wir uns diesmal gleich für die Chemiekeule, obwohl der Befall noch nicht so stark zu sein schien. Die Schwiegerkatze wurde gleich mitbehandelt.
Nachdem beide Katzen mit Flohkiller betropft worden waren, saß ich neben ihren Käfigen und passt auf, dass keiner sich den Nacken kratzte, weil das Mittel so langsam einzog. Beim letzten Mal reagierte Nina so empfindlich auf das Fipronil und sabberte tagelang. Darum und seit der Vergiftung habe ich eine Heidenangst, dass das wieder passiert und bewachte sie den ganzen Nachmittag lang. Diesmal ging zum Glück alles gut.
Als wir beim Abendessen saßen, rummste es auf einmal in der Küche. Wir sprinteten hin – da stand der Besuchskater auf dem Tisch am Herd. Offensichtlich war er durch eins der drei Belüftungslöcher gehopst, die recht weit oben in der Wand sind. Eine beachtliche Leistung. Doch jetzt konnten wir weitere Besuche verhindern. Inzwischen sind die Löcher provisorisch verstopft und wir fühlen uns wieder sicher. Und das Flohproblem ist hoffentlich auch bald Geschichte.

5. November – Matter Tag und #wmdedgt

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Heute ist der Fünfte und der Freundeskreis Tagebuchbloggen trifft sich bei Frau Brüllen. Alles weitere ist ebenfalls dort zu erfahren.

Morgens mit Halsschmerzen aufgewacht. Danke, Kinoklimaanlage (stimmt nicht, ich hatte gestern schon ein wenig Halsweh, und zwar vor dem Kinobesuch)! Zum Frühstück gibts den üblichen Dreiklang aus Haferbrei mit Bananen und Zimt, zwei Spiegeleiern und Kaffee. So lecker!
Als ich dann am Schreibtisch saß, kam ein ekliges Erkältungsgefühl dazu und heiß war es auch wieder. Ich mühte mich ab, den neuen Text zumindest in Stichpunkten zu skizzieren und las viel über das Thema. Zwischendurch schrieb ich mit meiner hoffentlich zukünftigen Sprachlehrerin zwecks Probeunterricht. Außerdem tat ich das einzig Vernünftige in diesem Matschzustand und meldete mich bei der Agentur krank. Weil das bringt ja nichts, für den ersten echten Auftrag brauch ich einen klaren Kopf.
Der Mann und das morgens bestellte Wasser* trafen gleichzeitig ein, das war praktisch. Wenn ich alleine bin, ist das immer ein Chaos aus „Eine Katze ins Arbeitszimmer und eine ins Schlafzimmer sperren“ und bitte schnell, bevor die Lieferperson ungeduldig wird. Geld und leere Kanister lagen und standen schon parat, diesmal waren wir wirklich gut vorbereitet.
Zum späten Lunch/frühen Abendessen gab es Soto, die hatte ich mir wegen der Hühnerbrühe und der ihr nachgesagten Heilungskraft gewünscht. Leider bescherte sie mir vor allem Bauchgrummeln. Nach dem Essen gab ich die Arbeitsversuche auf und guckte häkelnd Youtube-Videos. Der Mann fuhr einen Freund besuchen, ich hängte noch von ihm gewaschene Wäsche auf und goss heimlich und im Dunkeln die Blumen. Am Nachmittag hatte wir eine Unterhaltung der Nachbar*innen belauscht, die laut beschlossen, keine Blumen zu gießen, weil ihr Brunnen fast leer ist. Unserer ist noch ganz gut dabei, obwohl neben uns noch eine zweite Familie daraus ihr Wasser bezieht. Trotzdem hatte ich ein schlechtes Gewissen und wässerte nur die Pflanzen, die es wirklich nötig hatten. Dann duschen, Haare waschen und halb zehn lag ich mit Hörbuch im Bett.