Samstag, 1. Juni und Sonntag, 2. Juni 2019

Fleißig| Bis Samstag Nachmittag am Rechnerchen gesessen und geschrieben. Der Moment, wenn der Text fertig ist und ich ihn absende, ist immer ein Highlight. Vor allem, weil ich letzte Woche einen BSOD-Loop hatte und da nur mit viel Ach, Krach und Gegoogle wieder raus kam.

Was wir so aßen|Riesige Portion Magelangan. Das ist nasi goreng mit Nudeln drin. Kohlenhydrate mit Kohlenhydraten, perfekt nach einer Woche voller Kopfarbeit. Der Stand, bei dem wir dieses Essen gern kaufen, produziert riesige Portionen. Zwei davon wiegen über ein Kilogramm, das hat mir die Kofferwaage verraten. Natürlich essen wir das nicht auf einmal, sondern tuppern die Hälfte ein, die brät der Mann uns dann zum Frühstück auf. Zu Magelangan und jeglichen anderen Speisen der bakmie-Kategorie gibt es acar, sauer eingelegte Gurken, Möhren und Schalotten. Die Zwiebeln sortiere ich normalerweise aus. Samstag dann landete eine doch auf meinem Löffel, ich aß sie aus Faulheit mit und entdeckte erstaunt, dass ich Zwiebeln mag. Nach 30 Jahren vehementer Zwiebelverweigerung! Und dann auch (beinah) roh! Ich bin sehr erstaunt. Außer Magelangan speisten wir Nasi uduk, Roti bakar (mit Schokolade und Käse) und die restliche Pomelo.

Haus und Garten|Sonntag stand Hausarbeit an. Sprich: Boden wischen. Dabei trickse ich mich aus, um mehr Bewegung und mehr Schritte auf dem Mi Band zu kriegen. Und zwar so: Unser Wischmop ist zu breit für den einzigen Eimer des Hauses. Darum fülle ich das Wischwasser in eine große Plastikschüssel. Die bleibt im Bad stehen, weil immer die Hälfte herausschwappt, wenn ich sie trage. Also pendele ich mit dem Mop zwischen zu wischendem Zimmer und Bad hin und her. Das verhalf mir gestern zu zweitausend Extraschritten. Danach ging ich auf die Terrasse. Dort steht ein großer Blumenkübel, in dem einst eine Guave wuchs. Die hatte unsere Bali-Reise letztes Jahr nicht überstanden. Der Mann wünschte schon länger eine Neubepflanzung, konnte sich aber nicht für eine Pflanzenart entscheiden. Dieses Problem nahm ich ihm gestern ab und setzte meinen Mangosämling in den Topf. Der ist mittlerweile fast so groß wie ich. Als Unterbepflanzung wählte ich einige mickrige Physalisse (Ist das richtig so?), für die ich bei der letzten großen Umtopfaktion kein geeignetes Gefäß mehr hatte. Hoffentlich vertragen sich alle Beteiligten und wachsen gut an. Beim Gärtnern lernte ich außerdem auf äußerst unangenehme Art und Weise, dass ich meine Gartenhandschuhe nicht draußen liegenlassen sollte. Kurz nachdem ich hineingeschlüpft war, empfand ich ein unangenehmes Pieken und Stechen. In beide Handschuhe war seit dem letzten Gebrauch ein Ameisenvolk eingezogen. Leider handelte es sich dabei um eine Art, auf die ich allergisch mit riesigen Beulen reagiere. Zum Glück half Kühlen und Cremen gut, aber es juckt immer noch. Und ich kann meinen Ehering nicht tragen, den hatte ich aus Angst vor anschwellenden Fingern sofort ausgezogen.

Die Freuden des Sprachenlernens| Seit einigen Wochen lerne ich recht diszipliniert Indonesisch. Am Computer mit einem bekannten Programm und zwischendurch am schlauen Telefon mit einer ebenfalls sehr bekannten App. Letztere produziert regelmäßig sehr lustige Beispielsätze, wie „Ich esse meinen Hut.“, „Ich bin traurig, weil Du d*mm bist.“ oder „Der Kuchen bewegt sich.“ Inzwischen ist mein Textverständnis recht gut und ich habe begonnen, Lokalnachrichten zu lesen. Dadurch habe ich zum Beispiel gelernt, dass die Polizei bei einer Razzia über 400 Böller beschlagnahmt hat und dass die Brückenbaustelle in unserer Nähe fertig, also keine Baustelle mehr ist.

Lieblingslied am Wochenende|

Freitag, 31. Mai 2019

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Wieder da. Tagebuchbloggen scheint in meiner Filterblase wieder aktuell zu sein. Das probiere ich auch mal.

Worst Bus Ever| Gerade sind die Straßen proppenvoll, weil nächste Woche Idul Fitri ist und deswegen alle Leute, die woanders arbeiten, jetzt nach Hause zu ihren Familien fahren. Das sind immerhin 30 Millionen Leute und diese jährliche Massenreise heißt mudik. Zwar kommen die nicht alle nach Yogyakarta, aber gefühlt schon. Die Stadt ist nämlich nach Bali Urlaubsziel Nr. Eins für inländische Touristen. Nächste Woche werden am örtlichen Strand Parangtritis 260.000 Besucher erwartet.

Zurück zum Bus. Wir haben jetzt also etabliert, dass davon momentan echt viele sämtliche Straßen verstopfen. Heute waren der Mann und ich auf dem Weg zur Ausländerbehörde, um meinen Pass mit dem neuen Stempel drin abzuholen. Dabei nahmen wir die Schnellstraße namens Ring Road, die das Stadtzentrum umrundet und an einem der Busbahnhöfe vorbeikommt. Der Worst Bus Ever verdiente sich seinen Namen dadurch, dass er ohne zu gucken quer über alle Spuren vor uns aus dem Busbahnhof auf die Schnellstraße bog. Zum Glück achtet der Mann auf hervorragende Bremsleistung. An der nächsten Ampel – wir hatten den Bus inzwischen überholt – drängelte jener Bus von hinten über die Linksabbiegerspur (wir erinnern uns, in Indonesien herrscht Linksverkehr) an allen Leuten vorbei – nur um dann bei Grün geradeaus zu fahren. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, tauchte eine gigantische Rußwolke aus dem knalpot sämtliche Verkehrsteilnehmer in Finsternis. Was war ich froh, meine Gesichtsmaske zu tragen. Die restliche Fahrt verlief unspektakulär, ich bekam meinen Pass, unterschrieb und wir machten uns, nach einem Zwischenhalt im Katzenfutterladen, auf den Heimweg.

Schwarze Füße| In unserer Nachbarschaft, vielleicht ein, zwei Kilometer entfernt, steht eine Zuckerfabrik, in der Zuckerrohr zu Zucker und auch zu Schnaps wird. Gerade ist Zuckersaison und täglich knattern mit frisch geerntetem Zuckerrohr turmhoch beladene LKWs dorthin. Aus dem Schornstein der Zuckerrohrfabrik quillt tagein tagaus eine dunkle Wolke. Den Abgasen des eben erwähnten Busses nicht unähnlich. Steht der Wind ungünstig, bläst er die Wolke (und den Zuckerfabrikgeruch) zu uns und dann regnet es Asche. Nicht so wie nach einem Vulkanausbruch, eher beiläufig. Wenn ich abends das Bett abklopfe, malen die kleinen Aschepartikel schwarze Linien aufs Laken. Und weil ich zu faul bin, jeden Tag das ganze Haus zu wischen, haben wir alle schwarze Fußsohlen. Die Katzen bestimmt auch, aber bei denen merkt man das nicht so.

Work work work| Viel zu tun. Ich hänge meiner To-Do-Liste chronisch hinterher und bin mir ziemlich sicher, im nächsten Jahr zum ersten Mal Steuern zahlen zu müssen. Genau weiß ich das nicht, weil ich mit meiner Buchhaltung auch hinterherhänge, ach und von der Steuererklärung fangen wir besser gar nicht erst ein. Ein Hoch auf die Fristverlängerung ab diesem Jahr, die hat mir echt den Popo gerettet.

Und was macht eigentlich der Manfred? Der schläft am liebsten in meinem Regal, verhaut Nina öfter als mir lieb ist und ahnt noch nicht, dass ich ihm sein Lieblingsdosenfutter gekauft habe.

Liebe Oma

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Du warst eine große Katzenfreundin, genau wie ich. Beim samstäglichen Kaffeetrinken saß die dicke Mimi immer neben Dir, weil sie genau wusste, dass Du ihr eine paar Krümelchen abgeben würdest. Später, als Du schon im Pflegeheim wohntest, galt Deine erste Frage immer der Mimi und ihrem Befinden.

Wir haben uns nie wirklich unterhalten, Du und ich. Mein Wissen über Dich und Dein Leben stammt aus den Erzählungen meiner Mama. Als ich klein war, warst Du schon krank und ich kann mich nicht erinnern, dass Du viel von früher erzählt hast. Vielleicht habe ich das auch nicht mitbekommen. Als Kind gab es für mich Wichtigeres, als mit der Familie am Kaffeetisch zu sitzen. Es gab auch keine gemeinsamen Unternehmungen, dafür warst Du zu unsicher auf den Beinen. Einmal waren wir im Harz zusammen, das weiß ich noch. Aber abgesehen davon fanden Ausflüge nur mit Opa statt. Ich beneidete meine Freundinnen heimlich um ihre fitten Omas, die mit ihnen nach Mallorca verreisten. Dabei wollte ich gar nicht dorthin. Eine ruhige Oma warst Du.

Einmal, da war ich noch klein, spielte ich Dir einen Streich. Es war Sommer, Du und Opa nahmt uns mit in den Schrebergarten. Wahrscheinlich hast Du auf einem dieser wackligen Klappstühle mit Stoffbezug gesessen und gelesen. Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf kam, aber ich zermatschte eine Himbeere auf meinem Knie, lief zu Dir und tat, als sei ich hingefallen. Du erschrakst und ich schämte mich plötzlich. Liebe Oma, das tut mir heute noch leid. Bitte entschuldige.

Du mochtest Weißbier und bukst den besten Käsekuchen der Welt. Die Sommernachmittage verbrachtest Du im Garten draußen, da wohntet ihr schon mit im Haus. Dort saßt Du, hast wohl in der Zeitung gelesen und bestimmt kam ab und an eine Katze vorbei. Einmal machte ich Dir und mir Erdbeermilch, serviert in einem Glas mit Zuckerrand.

Zum Geburtstag und zu Weihnachten gab es Geld von Euch Großeltern. Was ich damit als Kind gemacht habe, weiß ich nicht mehr. Gespart wohl. Im Teenageralter trug ich es immer in den Laden mit den begehrtesten Hippieklamotten der Stadt. Das war nicht billig. Meistens reichte der Inhalt einer Geburtstagskarte für ein Kleidungsstück. Gleich danach lief ich zu Dir ins Wohnzimmer und führte das neue Stück vor. Ganz stolz. Opa schlug die Hände überm Kopf zusammen. Fünfzig Euro für eine Hose! Da hätte man doch auf dem Fischmarkt … Aber Du lächeltest nur freundlich und sagtest: „Das ist aber schön.“

Ich war wohl sechzehn, als Du zu stürzen begannst. Du warst schon immer wackelig auf den Beinen, selbst mit Rollator. Einmal fielst Du vor der Haustür zu Boden, wo mein damaliger Freund Dich fand. Nicht lange danach kamst Du ins Krankenhaus. Ich habe Dich dort nie besucht. Wahrscheinlich nahmen die Oberstufe und meine erste Beziehung allen Raum ein. Du kamst nicht mehr nach Hause, sondern zogst um ins Pflegeheim.

Im Sommer nach meinem Abitur hatte ich viel Zeit und besuchte Dich häufig. Im Rollstuhl schob ich Dich übers Gelände. Wir aßen Eis, streichelten den Krankenhauskater und sahen den Kaninchen zu, die im Sommer ein Freigehege bewohnten (und die der Fuchs holte, eins nach dem anderen). Das war vielleicht die intensivste Zeit, die wir miteinander verbrachten, auch wenn es keinen wirklichen Dialog gab. Ich erzählte und Du streutest gelegentlich ein „Das ist ja schön“ ein. Und das war es auch.

Ich zog fort, studierte. Bei jedem Besuch in der Heimat, besuchte ich Dich. Allein oder mit der Familie. Wir cremten zusammen unsere Hände ein, aßen von mir für Dich geschnippeltes Obst und ich las Dir Märchen vor. Immer öfter sagtest Du „Ich kann nicht mehr“.

Kurz vor meinem Heimflug nach einem Jahr Indonesien lähmte ein Schlaganfall einen Deiner Arme und Du konntest das Bett nicht mehr verlassen. Das war vor viereinhalb Jahren. Du schliefst mehr, sprachst weniger und murmeltest oft ein „ich kann nicht mehr“ nach dem anderen. Nur beim Weihnachtsliedersingen stimmtest Du mit ein. Bei jedem Abschied bereitete ich mich darauf vor, dass ich Dich eben zum letzten Mal sah.

Im November letzten Jahres wurdest Du achtzig. Der Mann und ich waren da, frisch gelandet und frierend, aber da. Deine Augen blickten oft ins Leere, aber Deine Hand fasste erstaunlich kräftig nach meiner. Ich sah Dich an, suchte nach Dir in Deinem alten und doch so vertrauten Gesicht. Auf Dein „Ich kann nicht mehr“ antwortete ich wie immer mit „Du musst ja nicht“. Was hätte ich sonst sagen sollen?

Heute nehmen wir Abschied von Dir. Und auch wenn ich traurig bin, freue ich mich für Dich, dass Du endlich erlöst bist. Den wunden, unbeweglichen Körper verlassen und davon fliegen durftest. Vielleicht ja zur Mimi?

Wochenrückblick 11/2019

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Busy busy| Puh, gerade sitze ich viel zu viel am Computer. Darum fiel auch der Rückblick letzten Sonntag aus. Nachdem es die letzten Wochen arbeitsmäßig ein bisschen mau war, habe ich mich zusammengerissen und einen neuen Auftraggeber gelandet. Und jetzt freue ich mich total auf meinen nächsten Rechnungsschreibtag 😀

Sonstige Aktivitäten| Saß ich mal nicht fleißig tippend am Laptop, wusch ich ab, aß mit dem Mann die leckersten Dinge (roti kukus! mie ayam sate! porridge mit schokoladenkern! dadar gulung! nasi uduk! srikaya vom eigenen Baum!), klickerte mit Manfred, fütterte die immer schwangerer werdende Mieze (in Anlehnung an den Besuchskater meiner Eltern nennen wir sie Charlie), goß die rasant wachsenden Physalis, beschmuste die nur nachts kuschlige Nina, stellte Eimer unter Löcher im Dach, kaufte einen neuen Schwamm für den Wischmopp, feierte einen Freundinnengeburtstag, häkelte oder fing Kröten ein.

Nächste Woche| wieder mehr.

Wochenrückblick 9/2019

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Wasser marsch| Hoffte ich vorletzte Woche auf ein baldiges Ende der Regenzeit, zog die in den vergangenen sieben Tagen noch mal alle Register. Inklusive heftigem Gedonner, dass die Schränke klapperten und Herr Manfred verschreckt unterm Sofa Stellung bezog. Unser Brunnen ist ordentlich voll und obwohl eine zweite Familie daraus Wasser bezieht, ist der Druck für unsere Pumpe viel zu hoch. Öffnet man nur einen Hahn, schießt eine pulsierende Fontäne daraus hervor und versprüht Wasser, dass es eine Freude ist. Das Frischwasserbecken im Bad füllt sich binnen weniger Minuten. Ach, ich will mich ja gar nicht beschweren, schließlich ist es noch gar nicht so lange, dass wir ein Haus bewohnten, in dem es mit der Wasserversorgung nicht weit her war.

Kacke überall| Der viele Regen bringt neben Wasser auch Insekten. Und die kleinen Geckos, die in unserem Haus wohnen und den fantasielosen Namen Asiatischer Hausgecko (Hemidactylus frenatus) tragen, fressen sich kugelrund an Mücken und Fliegen. Das ist sehr freundlich von ihnen, doch leider verwandeln sie das Viehzeug in ihrem Gedärm in schwarze Würste. Und die liegen ü b e r a l l herum. Überall. Letzens war ich im Bad und duschte. Ich griff nach der Seife und just in dem Moment plumpste etwas Kacke vom Dach und landete genau darauf. Danke sehr. Zumindest das Bett bleibt sauber, seit ich es von der Wand rückte.

Viele Schritte für nichts| Einen regenfreien Abend letzte Woche nutzten wir für einen Spaziergang. Dafür machten wir eine kleine Ausfahrt zur Jalan Malioboro, eine bei Einheimischen und Tourist*innen gleichermaßen beliebte Straße zum Flanieren, Essen und Shoppen. Es gibt jede Menge Batik- und Souvenirgeschäfte und mehrere Malls. Abends ziehen Musikgruppen von einem Restaurant zum nächsten. Früher war der Fußweg ein schmales, mit Ständen zugestelltes Ding, auf dem sich die Menschen drängelten. Während parkende Motorräder und auf Fahrgäste wartende Kutschen und Becaks etwa die Hälfte des vorhandenen Raums für sich beanspruchten. Vor ein paar Jahren wurde ein großes Parkhaus gebaut, das Abstellen von Motorrädern verboten und der Fußweg deutlich vergrößert. Seitdem spaziert es sich dort ganz hervorragend. Da kommen schon vier-, fünftausend Schritte zusammen. Diesmal blieben sie ungezählt, weil mein Fitnessarmband seit drei Wochen im Umtauschprozess steckt. Jetzt merke ich erst, wie motivierend die kleine Zahl an meinem Handgelenk war.

Gerüche des Februars

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Inspiriert vom famosen Fräulein Read On verfasse ich allmonatlich einen olfaktorischen Rückblick.

Der Februar in Indonesien war erstaunlich geruchsneutral. Ob es an meiner verstopften Nase lag oder dem vielen Regen, der die Luft reinwusch?

Am Anfang roch der Februar allmorgendlich nach Apfelessig, für die Verdauung. Und manchmal auch abends, wenn ich damit die Kalkseife aus meinem Haar spülte.

Der Februar roch nach auf dem Herd köchelnden Kurkumasud mit Tamarinde und Gemüsesuppe. Nach den Thymianpastillen aus Deutschland und dem unglaublich künstlichen Melonenaroma der Halsschmerztabletten aus der Apotheke. Das verschwitzte Bett nach einer Fiebernacht riecht wie ein altes Kirschkernkissen. Wie gut, dass es die tropische Sonne gibt, die das Bettzeug in kurzer Zeit auf sechzig Grad erhitzt und alle Ausdünstungen beseitigt.

Die Katzen dufteten im Februar nach dem mit Lavendel parfürmierten Katzenstreu. Früher fand ich es furchtbar, dass es keine unbeduftete Streu zu kaufen gab. Und gleichzeitig amüsierten mich die tausenden verschiedenen Varianten. Von Babypuder bis Kaffee ist alles dabei. Leider mögen es die Miezen: Als wir endlich einmal parfümfreies Katzenstreu in die Klos füllten, verweigerte Manfred die Benutzung und pinkelte lieber woanders hin. Darum also Lavendel.

Der Februar roch nach zu viel mit Kopfschmerzen am Laptop verbrachter Zeit und leichter Verzweiflung angesichts eines zu geringen Kontostands. Dazwischen mischte sich Baumwollgarn auf schwitzigen Fingern, ein kühler Frosch in meinem Gesicht und immer wieder Regendunst.

Täglich übe ich mit dem Kater, ein Geschirr zu tragen und an der Leine zu gehen. Ich darf es ihm anziehen, die Leine akzeptiert er auch meistens und er kommt zu mir, wenn ich ihn rufe. All das lernt er mit einem Klicker und aus Deutschland mitgebrachten, selbstverständlich getreidefreien Leckerlis. Aktuell besteche ich ihn mit einem Produkt aus Hühnchen und Muscheln, das einen staubig-fischigen Geruch an meinen Fingern hinterlässt.

Wir fahren quer durch die Stadt zu einem Laden, der alles was man zum Backen braucht verkauft, um Rosinen und Nüsse fürs Frühstücksporridge zu erwerben. Im Verkaufsraum kitzeln hunderte Aromen meine Nase, es riecht nach Mehl und Staub und ein wenig so, als sei mal ein Karton mit künstlicher Vanille ausgelaufen. Auch ein Block Schokolade wandert in den Rucksack, der nach nichts riecht und enttäuschend schmeckt.

Plötzlich verbreitet sich Wanzengestank. Wir laufen schnüffelnd durchs Haus und finden schließlich die Quelle des eklig-süß-beißenden Geruchs: Es ist Nina, die ganz unglücklich versucht, ihre Pfote zu säubern. Anscheinend lief sie einer Wanze über den Weg, betatzte sie und wurde mit einer Ladung Stinksaft besprüht. Wir waschen ihr Pfötchen mit den alkoholgetränkten Feuchttüchern, die den Trinkwasserkanistern beiliegen.

Instantnudeln, die nach Curry schmecken, gedämpfte Kuchen und das beste terang bulan der Stadt (eine Art fetter Pancake, in Butter ertränkt und – in diesem Fall – mit Käse bestreut) – die letzten Februartage bescheren mir Heißhungerattacken, die ich mit diversen Leckereien besänftige. Man gönnt sich ja sonst nichts.



Wochenrückblick 8/2019

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Nichts los| Genau das war mit mir in der letzten Woche, denn pünktlich zum Montag wurde ich krank. Seit ich in Indonesien lebe, habe ich selbst bei kurzen Erkältungen mindestens einen Tag Fieber. Wahrscheinlich kennt mein Immunsystem auch nach vier Jahren noch nicht alle Viren, die hier so rumschwirren. Und so lag ich meistens einem Hörbuch lauschend herum, trank vom Mann gebrauten Jamu aus Kurkuma und Tamarinde und besserte mich.

Putzwahn| Sobald ich wieder halbwegs gesund bin, folgt bei mir auf mehrere Krankheitstage ein Putzanfall. Kaum war mein Kopf wieder halbwegs frei, wischte ich das Haus und brachte gemeinsam mit dem Mann die Küche auf Vordermensch. Das tat gut.

Besuchskatze| Seit etwa einer Woche wohnt auf unserer Terrasse eine Katze aus der Nachbarschaft. Alles begann mit ihrem hungrigen Miauen und einer Handvoll Trockenfutter. Inzwischen schläft sie auf unserer Bank und sobald ich auch nur meine Nasenspitze durch den Türspalt schiebe, kommt sie hoffnungsvoll angehopst. Nur: Die Miez ist eindeutig tragend und versucht mittlerweile, ins Haus zu schlüpfen. Unsere Katzen sind aber nicht durchgeimpft und so eine Streunerin – mag sie auch freundlich sein – hat Flöhe und Würmer. Wegen den Babies können wir sie nicht behandeln, also bleibt sie draußen. So leid es mir auch tut.

Gehäkelt|

Wochenrückblick 7/2019

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Im Wald| Montag besuchte ich eine neue Freundin, die etwas abgelegen auf einem Hügel wohnt. Der Weg dorthin ist sehr lehmig und in der Regenzeit durchaus rutschig. Während der Mann auf dem Motorrad vor mir her schlingerte, ging ich zu Fuß. Mit jedem Schritt wurde ich größer, weil sich der Lehm unter meinen Wandersandalen sammelte.

Tantenbesuch| Ab und an reisen des Mannes Tanten an. Wann immer sie in der Nähe sind, treffen wir sie irgendwo. Meistens zum Essen. Und so auch dieses Mal. Sie luden uns zu Gudeg ein. Jedes Mal schwenkt an irgendeinem Punkt das Gespräch auf Ernährung, Diäten und dergleichen und es wird festgestellt, ob der Mann und ich ab- oder zugenommen haben. Jedes Mal gruselt es mich ein bisschen davor, mag ich es doch überhaupt nicht, wenn andere über meinen Körper urteilen. Und gleichzeitig schäme ich mich, weil ich mich freute, als die Tanten wiederholt beteuerten, wie schön ich abgenommen hätte.

Kurioses|Gestern lief mir eine Pflanze über den Weg, die ich schon lange gerne in meinem Garten hätte: kembang telang. Oder auf Deutsch: Blaue Klitorie. Wer hat sich das nur ausgedacht? Mit den leuchtend blauen Blüten, die – Überraschung! – an eine Vulva erinnern, kann man Getränke, Essen und Stoff einfärben. Darum gefällt sie mir so. Im Garten eines Restaurants entdeckte ich kembang telang, eine reife Schote wanderte in meine Hosentasche. Zu Hause entdeckte ich darin vier ebenfalls schwarze Bohnen, die jetzt in der Erde schlummern.

Drachenfruchtschwemme| Drachenfrüchte wachsen im tropischen Klima Javas ganz wunderbar und haben gerade Saison. Dieses Jahr fällt die Ernte so gut aus, dass niemand mehr Drachenfrüchte kaufen will und der Preis in den Keller sinkt. Manche Landwirt*innen werden ihre Ernte nicht mehr los, die Früchte vergammeln an den Pflanzen. Schade. Wir kauften gleich drei Kilo der knallroten Dinger, ich esse Drachenfrucht nämlich sehr gerne. Wir hätten auch noch mehr haben können, der Laden hatte sicher eine halbe Tonne auf Lager. Und natürlich pipelte ich ein paar Samen heraus, pflanzte sie ein und schon zwei Tage später reckten sich zwei junge Pflänzchen aus dem Substrat.

Lied der Woche| Bigger On The Inside von der allergroßartigsten Amanda Palmer.

Wochenrückblick 6/2019

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Erfolgserlebnis I| Die richtige Aussprache des gerollten R ist für mich die größte Herausforderung beim Indonesisch lernen. So viele Worte enden auf -r und wenn ich das in gewohnt deutscher Manier verschlucke, versteht mich niemand. Ich übte und übte, allein, mit dem Mann und verschiedenen Videos. Seit Montag nun rollt es – nicht immer, doch immer öfter.

Erfolgserlebnis II| Großartiges, mich verlegen und stolz machendes, meiner Motivation neuen Schwung verleihendes Feedback bekommen. Daraufhin den Samstag dem Webseite-Basteln gewidmet. Kaum vorangekommen. Egal, dann eben beim nächsten Mal.

Erfolgserlebnis III|Die Kaladie blüht (eher ihr Erfolg, als meiner):

Zwangspause| Früher war ich stolz darauf, überall essen zu können. Ganz ohne Bauchprobleme. Das ist jetzt anders. Vor allem, wenn falsches Essen und PMS zusammen kommen. Freitag verbrachte ich häufiger im Bad, als mir lieb war. Dazwischen lag ich erst auf dem Sofa, dann im Bett. Immer mit mindestens einer Katze in meiner Nähe. Schlaf, Schnurren und Kohlebletten halfen. Jetzt ist alles wieder gut.

Mein erstes Mal #WMDEDGT

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Am 5. jedes Monats fragt Frau Brüllen „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ und sammelt die Antworten auf ihrem Blog. Ich wollte schon länger mitmachen und habe es endlich nicht vergessen. Hier ein ganz normaler Dienstag in Indonesien.

Viertel sieben wache ich auf, weil der Kater seine hölzerne Aussichtsplattform lautstark zum Kratzbrett umfunktioniert. Ich schnappe mir automatisch Thermometer und Timer, um fünf Minuten später meine Aufwachtemperatur zu wissen. Aha, 36,90 °C. Kurz bevor der Timer aufleuchtet, fällt in der Küche ein Stuhl im. Die Katzen sprinten wild durchs Haus.Es beginnt zu regnen. Ich füttere die Raubtiere, gehe aufs Klo und platziere drei Eimer unter den üblichen Lecks: Vor der Badezimmertür, neben Manfreds Klo, in der Tür zwischen Küche und dem Rest des Hauses. Dann lege ich mich noch mal für eine Stunde hin.

Viertel acht stehe ich auf. Der Mann schlummert noch, die Katzen haben sich wieder beruhigt. Ich trinke mein morgendliches Wasser-Apfelessig-Gemisch und gehe dann in mein Arbeitszimmer. Yogamatte ausrollen, Handtuch zum Kissen falten, zehn Minuten Meditation. Klappt heute nicht so gut. Egal. Dann Yoga. Schon besser. Der Schweiß läuft. Katzenklos ausmisten. Duschen.

Der Mann kommt nicht in die Gänge, ich mach schon mal Oatmeal. Endlich habe ich das perfekte Maß gefunden. Wasser bis über die erste Beule im Aluminiumtopf und so viele Haferflocken, wie in ein Glas passen. Dazu Rosinen, Zimt und Bananen. Das Oatmeal ist fertig, der Mann erscheint zum Eier braten. Das kann er besser als ich. Die Eierqualität ist nicht gut, das Gelb zerläuft, sobald das Ei in die heiße Pfanne fällt und der Mann schimpft.

Wir schnappen uns Nina, Zeit für ihre Augentropfen. Sie hasst die Prozedur und liebt die Entenfleischsnackies, die ich ihr hinterher vor die Nase halte. Dann Frühstück. Oatmeal, Spiegeleier, Kaffee und Master of None. Das Gelbe meines zweiten Eis schmeckt eklig fischig. Bäh.

Nach dem Frühstück gehe ich auf die Terrasse, meine Aussaat vom Sonntag checken. Der Basilikum wächst schon und in der Granatapfelreihe erhebt sich ein Nachzügler. Sehr schön. Ich gucke mich noch kurz um, als ich die tote Katze neben dem Weg liegen sehe. Das gelbe Fell nass vom Regen. Näher will ich nicht rangehen und schicke den Mann. Er berichtet: schwarzes Halsband, weißes Glöckchen, keine erkennbaren Verletzungen. Gelbe Tigerkatzen gibt es viele in der Nachbarschaft, wir denken gleich an die Katze der Nachbarn zwei Häuser weiter, die ich clumsy kitty nenne, weil sie wackelig läuft und dabei die Beine hebt, wie ein Dressurpferd. Die Nachbarn sind nicht daheim und die Leute, die hinter uns wohnen, vermissen keine Katze. Später wird der Körper verschwunden sein.

Aufgewühlt setze ich mich an den Rechner. War es clumsy kitty? Was war die Ursache? Rattengift, Schlangenbiss, ein Unfall, eine Krankheit, ein grausamer Mensch? Letzte Nacht noch geisterte wie immer das Klingeln ums Haus. Ich stehe noch mal auf und drücke mein Gesicht ins tröstliche Manfredfell.

Computerzeit. Auftragsarbeit. Zwischendurch Blogs lesen, ins Forum schreiben, die Fragen für die theoretische Führerscheinprüfung googlen, ein neues Workout-Video runterladen. Heute ist die Internetverbindung gar nicht gut und mein Computer verliert ständig den Draht zum Hotspot, den mein Telefon erzeugt.

Zehn nach zwei kündigen langgezogene „Sateeeeee”-Rufe die Ankunft der Sateverkäuferin an. Den kleinen (heißen!) Grill, die Erdnusssoße, Fleischspieße und lontong (in Palmblättern gekochter Reis) trägt sie auf dem Kopf. Jeden Tag dreht sie ihre Runde. Auch heute, obwohl doch Feiertag ist. Chinesisches Neujahr. Wer Hunger hat, schnappt sich einen Teller und bestellt. Sie setzt sich auf die Stufe unter meinem Fenster und grillt die Sate-Spieße, dabei halten alle Beteiligten ein Schwätzchen. Solche fliegenden Händler’innen gibt es viele hier.

Der Grillduft zieht durchs Haus und weckt unseren Hunger. Der Mann fährt los und kauft Essen. Gemüse, martabak (eine Art frittierte Teigtasche), tempe goreng, berkedel und für den Herrn einen Hühnerkopf. Dazu Reis, was auch sonst.

Später setze ich mich noch mal an den Rechner, während der Mann das Sofa zusammenbaut, das er während der letzten Wochen aufwändig neu gepolstert und bezogen hat. Zusammen putzen wir das Haus, er fegt, ich wische. Die Schaumstofffetzen fliegen überall herum, auch in mein Auge. Es tränt und schmerzt, ich spüle mit Wasser und Augenspülflüssigkeit. Erst nach einigen Stunden fühlt es sich wieder normal an.

Ich klappe noch mal den Rechner auf und übe Indonesisch. Eine neue Lektion. Nachdem Hermann schon im Hotel, am Strand, beim Frühstück und im Bahnhof war, verirrt er sich diesmal in der Stadt. Sieben neue Vokabeln. Das R rollt mir immer besser von der Zungenspitze.

Den Abend verbringen wir zu Hause. Mein Auge tut noch weh. Wir gucken zwei Folgen Shameless, dazu naschen wir von der guten deutschen Schokolade. Dann Bett ausklopfen, Fenster schließen, Nachtbeleuchtung einschalten, die Anti-Mückenlampe neu befüllen, Katzen füttern, Klo saubermachen. Im Bad treffe ich die riesige Krabbenspinne (wahrscheinlich Heteropoda venatoria), die schon vorgestern durchs Haus sauste und irgendwo in meinem Arbeitszimmer verschwand. Sie ist so groß wie meine Handfläche und ihre Facettenaugen reflektieren das Badezimmerlicht. Ich mag diese Spinnen. Sie sind nicht giftig und essen sogar Kakerlaken. Danke, Spinni!

Ich liege im Bett, der Mann ist noch auf. Plötzlich Gepolter aus der Küche. Wir sprinten hin. Manfred kommt aus der Ecke, in der die Fahrräder stehen, eine riesige Maus baumelt leblos aus seinem Maul. Nina umkreist ihn aufgeregt. Der Mann schnappt sich den Kater, ich hole den Eimer aus dem Bad, um die Maus aufzufangen. Doch Manfred lässt nicht los. Tiefes Brummen dringt aus seiner Kehle. Erst ein Entenfleischsnackie bewegt ihn dazu, seine Beute aufzugeben. So eine Aufregung. Die Katzen suchen die Maus, die der Mann hinausbefördert hat und ich lege mich wieder hin. Hörbuch, Schlafen.