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Allgemein

2. und 3. Mai 2020 – Das Wochenende, an dem Insekten von der Decke fielen

Okay, ganz so dramatisch wars vielleicht nicht. Aber fangen wir von vorne an.

Samstag war für mich noch einmal ein Werktag wie immer, ich wollte die Bachelorarbeit endlich fertigkriegen. Also lektorierte ich fröhlich vor mich hin, während der Mann mal wieder am Motorrad bastelte, und wurde pünktlich dann fertig, als er nach Hause kam. Nach dem Abendbrot kochte ich fix eine neue Brausegrundlage, dann fuhren wir zu einer Kirche in der Nähe, um uns auf deren leeren Parkplatz die Beine zu vertreten. Der ist nämlich ganz hübsch mit vielen Bäumen und es geht ganz schön bergauf. Auf dem Rückweg hielten wir noch bei meiner Schwiegermutter an, um wertvolles Gummbiband für Masken mitzunehmen. Wieder daheim bereiteten wir uns auf einen gemütlichen Kinoabend vor. Der Mann frittierte rasch ein paar Kartoffelecken, ich bürstete die Katzenhaare vom Sofa. Als wir eben alle Snackies in die Kinoecke tragen wollten, platschte es ziemlich laut und ein großes grünes Dingsbums landete auf dem Küchenfußboden. Es dauerte einen Moment, bis mein Gehirn herausfand, was es war: eine riesige Raupe. Wir werden wohl nie erfahren, warum sie auf unserem Dach unterwegs war, jedenfalls schubste ich sie aufs Kehrblech und trug sie hinters Haus, weit weg von meinen Pflanzen. Dann endlich war Ruhe eingekehrt und wir guckten einen Film (Bad Boys irgendwas, war nicht meine Wahl aber ganz okay. Mein Lieblingsmoment war, dass die weibliche Nebenfigur und love interest des Hauptcharakters ihn nicht am Ende heiratet, sondern befördert wird.)

Als ich später das Schlafzimmer fegte, fand ich ein leicht zerstörtes Wespennest auf dem Fußboden. Das ist ungewöhnlich, die Dinger fallen eigentlich nie von alleine runter. Die zugehörige Wespe saß ziemlich weit oben im Gebälk, aber ich dachte mir nichts dabei. Nachts bewegen die sich eigentlich nicht. Jedenfalls legte ich mich hin und war schon im Halbschlaf, als ich ein leises bzz hörte. Ich machte das Licht an und sah zuerst Nina, die mit interessiertem Gesicht neben dem Bett hockte. Und dort krabbelte eben jene Wespe, um plötzlich taumelnd abzuheben und sich neben der Deckenlampe niederzulassen. Ich sperrte die Katzen ein und holte den Mann. Wir standen erst mal nur herum und beobachteten, es war schließlich schon spät. Die Wespe wirkte ziemlich angeschlagen, flatterte ständig mit den Flügeln und es sah aus, als würde sie jeden Moment herunterfallen. Das tat sie dann endlich auch und dort erschlug der Mann sie. Anders gings leider nicht, eine unberechenbare fünf Zentimeter große Wespe ist gefährlich für uns und die Katzen, und außerdem schien sie eh schon was abgekriegt zu haben. Ich tippe auf einen Geckoangriff.

Nach dieser Aufregung brauchten wir einen Moment, um wieder zur Ruhe zu kommen.

Sonntag hatte ich frei. Wir frühstückten (endlich mit roten Bananen!), dann mixte ich meine Brause mit dem neuen Ginger Bug und anschließend fuhren wir zum Supermarkt, noch ein paar Sachen besorgen, die wir neulich nicht bekommen hatten. Die Straßen waren erstaunlich voll für Pandemie und Fastenzeit, wir sahen auch viele Autos und Motorräder mit Kennzeichen aus Jakarta (wobei eins natürlich nie weiß, wie lange die entsprechenden Leute schon hier in der Stadt sind). Die ersten beiden Supermärkte waren einfach zu voll, erst der dritte wirkte okay. Allerdings hielt dort wirklich niemand Abstand, das war sehr frustrierend und so dauerte es einige Zeit, bis wir Marmelade, Knoblauchpulver, Ingwer und Butter zusammenhatten. Außerdem kauften wir Minze (juhu, ich freue mich schon auf Pfefferminzbrause!) und eine große Dose Kekse. Die sind im Ramadan der Renner, es gibt Hunderte verschiedene Sorten und fast jede*r hatte ebenfalls mindestens eine Keksdose im Einkaufskorb. Wir kauften beinah die gleiche Keksmischung, die es früher bei meiner Oma gab, wenn wir zu Besuch kamen. Seit ich nähe, denke ich viel an sie, denn sie war Schneiderin und würde sich sicher über meine Nähversuche freuen. Mein Handarbeitstalent hab ich jedenfalls eindeutig von ihr 🙂

Wieder zu Hause aßen wir Gudeg (gekauft) mit rotem Reis (selbst gekocht), dann machte ich noch den Abwasch und konnte hinterher endlichendlich machen, worauf ich mich schon den ganzen Tag gefreut hatte: mich an die Nähmaschine setzen. Eine Maske für den Mann wurde fertig, die anderen brauchen noch ein bisschen, denn ich musste ziemlich häufig Nähte auftrennen. Aber egal, ich hatte viel Spaß und hörte rechtzeitig auf, um vor Mitternacht im Bett zu sein.

1. Mai 2020 – Ein ganz normaler Freitag, aber mit Kartoffelsuppe

Ich schlief nicht besonders tief, wachte dauernd auf (zum ersten Mal halb sechs, weil draußen jemand Müll verbrannte und das ganze Haus stank …) und träumte komisch. Zum Beispiel davon, dass Nina in einer großen Tupperdose schlief.

Unser Morgen verlief wie immer, mit der Ausnahme, dass Manfred nach dem Frühstück in die Küche kotzte und den Rest des Tages sehr anhänglich war. Da er aber ansonsten frisst, trinkt und sich normal verhält, scheint alles okay zu sein. Ihm zuliebe verzichtete ich auf meine Computermaus, damit er neben mir auf dem Schreibtisch schlafen konnte.

Bemerkenswert war noch, dass heute nach 33 Tagen die Batterie meines Fitnessarmbands alle war. So lange hält es erst, seit ich es auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt hatte. Und ja, ich trage es täglich. Es muss zwar nie besonders viele Schritte zählen, aber versucht verzweifelt jeden Morgen, mich zu wecken.

Ich korrigierte fröhlich vor mich und und verstand e n d l i c h den Unterschied zwischen einer Ellipse und simpler Numerus-Kongruenz. Irgendwie hatte ich da die letzten Tage einen Knoten im Hirn. Währenddessen kochte der Mann Kartoffelsuppe mit Brokkoli und Pilzen, die unglaublich lecker war.

Nach dem Abendbrot setzte ich mich noch einmal an den Rechner, eigentlich wollte ich den Auftrag heute noch abschließen, aber das schaffte ich leider nicht. Macht nichts, dann eben morgen.

30. April 2020 – Einfach mal Pause machen

Ein bisschen zu lange geschlafen, aber leider keine Zeit fürs Arbeiten vorm Frühstück. Das war eigentlich mein Plan gewesen, um den Abend freihaben zu können.

Workworkwork. Die Bachelorarbeit, die ich gerade am Wickel habe, ist gar nicht so schlimm, steckt aber voller verzwickter grammatikalischer Fragen. Vor allem die Kongruenz in Sätzen mit gereihten Subjekten bereitet mir plötzlich Schwierigkeiten und ich brauche meine gesamte Konzentration. Eine kurze Unterbrechung gabs, als unser Wasser geliefert wurde. Seit wir mehr kochen und ich dauernd Brause mache, reichen 40 Liter Trinkwasser nur wenige Tage.

Zum Abendbrot gabs Gudeg und anschließend süße Snackies. Und die letzte Brause.

Der Mann fuhr weg, um die Vapeshops zu beliefern, ich wollte eigentlich wieder arbeiten. Dann erwischte ich mich aber dabei, wie ich nur sinnlos im Internet herumklickte und machte kurzerhand den Rechner aus. Schnell abwaschen, schnell Ginger Bug füttern und dann die Nähmaschine aufstellen. Hach, was hatte ich sie vermisst. Den restlichen Abend verbrachte ich nähend und bügelnd, unterbrochen nur von gelegentlichem Fadensalat oder Katzen auf dem Nähtisch, es war die reinste Freude, ich hörte ohne Rücksicht auf mein Datenvolumen eine Podcastfolge nach der anderen und als ich aufhörte, war es plötzlich schon um elf.

Zuschnitt (okay, das war schon gestern).
Immerhin: eine fast fertige Maske.

Da ich wieder Masken schneiderte, dachte ich über diesen Artikel nach, den ich auf Instagram entdeckt hatte. Einerseits macht es mir großen Spaß, Masken zu nähen. Ich kann mit meinen Anfängerinnenfähigkeiten ein nützliches Produkt herstellen. Dabei recycle ich alte Kissenbezüge und Stoffreste, minimiere also Müll. Auch nach der Krise werde ich meine Masken bei langen Motorradfahrten tragen. Andererseits ist Nähen für mich Spaß und Entspannung, ich muss davon nicht leben. Und ich nähe nur für den Mann und mich. Ein kompliziertes Thema.

Jedenfalls ist Nähen anders als Stricken wirklich Arbeit, ich war ganz verschwitzt und lüftete erstmal das Haus ordentlich durch. Dann folgte das übliche Abendprogramm, war aber durch Müdigkeit sehr langsam und dadurch erst um 1 im Bett. Upsi.

29. April 2020 – Keine Zeit für die Nähmaschine, aber dafür war ich einkaufen

Am Morgen durfte ich erstmal putzen, weil Manfred wahrscheinlich aus Protest gegen den dreckigen Wassernapf gesprüht hatte. My bad, aber hätte er nicht einfach aus einem der drei anderen sauberen Näpfe trinken können? Katzen.

Nach dem Frühstück brachen wir mit einer ellenlangen Einkaufsliste zum Supermarkt auf. Dort erwartete uns die übliche Prozedur aus Händewaschen und Temperaturcheck, dann durften wir rein. Ja, ich weiß, eigentlich ist zu zweit einkaufen unnötig und meistens ist der Mann auch allein unterwegs, weil ich noch keinen Führerschein habe (und er mehr Zeit hat), aber wir waren beinah die Einzigen im Supermarkt und ich muss halt auch manchmal raus. Die Straßen waren etwas belebter als sonst.

Wir kauften einen Einkaufswagen voller Zeug, darunter Spaghetti, Öl, roten Reis, Kaffee, Kecap manis, Instantnudeln, Küchenpapier, Anti-Mücken-Mittel, Seife und Gewürze. Himbeermarmelade und Zimt gabs leider nicht. Insgesamt bezahlten wir fast 700.000 Rupiah, das sind um die 43 Euro. Schwer beladen hielten wir auf dem Rückweg noch am Tierladen, um Vitaminpaste für die Katzen mitzunehmen.

Zu Hause gabs erstmal einen Eiskaffee und eine Pause, dann setzte ich mich an den Rechner. Da wars schon um 3 und es war klar, dass ich heute nicht mehr zum Nähen komme. Dafür experimentierte ich abends mit Zitronensäure als Kalkentferner im Bad. Dort ist nämlich vor dem Stöpsel des Wasserbeckens eine enorme Kalkkruste entstanden, weil unser Wasser enorm hart und der Stöpsel wahrscheinlich undicht ist. Daran habe ich schon mit Spachteln gekratzt, sie mit Essig und niedrig dosierter Salzsäure (wird hier zum Kloputzen verkauft) eingeweicht – ohne Erfolg. Aber die Zitronensäure schaffte es tatsächlich, einen Teil der Kruste zu lösen. Ich bin begeistert, endlich kein elendes Schrubben mehr.

Zum Abendbrot gab es nochmals Reste: ein bisschen Nudeln mit Tomatensoße, ein paar Stückchen Tempeh, roter Reis, Ei. Dann machte ich den Abwasch, fütterte den Ginger Bug, hörte Podcast und putzte halt das Bad.

Gerade haben Nina und ich ein neues Zubettgeh-Ritual. Wenn ich mich hinlege, lehne ich meine Beine gegen die Wand, damit der wehe Fuß ein bisschen abschwellen kann. Der wird abends weiterhin so dick, dass der Zeigezeh den Boden kaum noch berührt. Jedenfalls spiele ich dann Ninas Lieblingsvideo ab und binnen weniger Sekunden ist sie neben mir und kuschelt an mir rum. Das geht so zehn Minuten, bis sie plötzlich draußen was hört und davonhopst. Immer wieder schön.

28. April 2020 – Update zur C-Wort-Lage

Von Manfred wach getrampelt worden, da wars noch nicht mal um sechs. Aufgestanden und in die Küche gewankt, nur um eine noch beinah volle Katzenfutterschüssel vorzufinden. War dem Herrn wohl nicht mehr knusprig genug. Eigentlich war ich ziemlich wach, legte mich aber trotzdem nochmal hin, ignorierte den Wecker um acht und stand um neun auf. Der Mann fuhr Eier und Bananen kaufen (die roten Bananen sind weiterhin steinhart, wir witzelten, dass es sich um reine Dekobananen handelt) und kam außerdem mit einer Tüte voll Snackies wieder.

Ab hier alles wie immer: Frühstück, Computerzeit, Abendbrot kochen und essen (Mie goreng mit frittiertem Tempeh, Ei für mich, Fisch für den Mann und kalte BRAUSE!), nochmal ein, zwei Stündchen arbeiten, Abwasch, Ginger Bug füttern (blubbert jetzt schon wie ein Großer), dann zur Entspannung einen Haufen Masken zugeschnitten.

Außerdem habe ich heute zum ersten Mal eine E-Mail an einen Bundestagsabgeordneten geschickt, um die Evakuierung der Flüchtlingslager in Griechenland anzuregen. Macht bitte auch mit und/oder spendet an die Seebrücke, das geht sogar per SMS. Die Lage ist ernst.

Weil hier eh kaum was Neues passiert, dachte ich mir, ich erzähle mal kurz, wie hier die Coronalage momentan ist.

Wollt ihr Zahlen? In Indonesien wurden momentan um die 9000 Leute positiv getestet, jeden Tag kommen recht stabil zwischen 200 und 400 neue Fälle dazu, der Großteil im Raum Jakarta. Allerdings sind so 200 000 Leute entweder in Quarantäne zu Hause oder im Krankenhaus, im letzteren Fall haben sie bereits Covid-19-Symptome. Hier in Jogja wurden insgesamt 93 Personen positiv getestet, hinzu kommen etwa 5000 Leute in Quarantäne (davon 700 im Krankenhaus). Die aktuellen Zahlen kann eins hier angucken.

Vor ein paar Tagen war die große Nachricht, dass sämtlicher Inlandstransport bis Ende Mai pausiert. Keine Flüge, keine Züge, keine Fähren und auch die Autobahnen sind zu. Denn Mudik, also die Tradition, am Ende des Ramadans seine Familie zu besuchen, fällt dieses Jahr aus. In einigen Städten herrscht bereits Ausgangssperre, die heißt aber nicht so, sondern versteckt sich hinter dem Akronym PSBB. Das steht für Pembatasan Sosial Berskala Besar, auf deutsch ungefähr: soziale Einschränkungen im großen Stil, vergleichbar mit den aktuellen Maßnahmen in Deutschland. Bei uns in Yogyakarta gilt PSBB noch nicht. Allerdings sind Schulen und Unis geschlossen, viele gehobene Restaurants liefern nur noch und die meisten Hotels sind wohl auch zu. In Supermärkten gilt schon lange eine Maskenpflicht (das bestimmt aber jeder Laden selbst) und überall stehen mehr oder weniger sinnvolle Handwascheinrichtungen herum. Die Einwanderungsbehörde hat schon lange zu. Meine Aufenthaltsgenehmigung gilt noch bis Ende Juni, danach kriege ich eine automatische Verlängerung, bis der Notfallstatus im Land wieder aufgehoben wird. Allerdings weiß ich noch nicht, wie viel Zeit ich dann habe, um die nächste Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen. Darum werde ich auf jeden Fall sämtlichen Papierkram vorbereiten, damit wir sofort reagieren können. Aber wer weiß schon, wann das ist.