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Allgemein

1. April 2020 – Nicht in Scherzstimmung

Um halb sechs erwachte ich davon, dass Manfred erst auf meinem Kopfkissen und dann meinem Kopf herumtrampelte. Mit ausgefahrenen Krallen natürlich. Autsch. Ich stand auf, reichte Essen, ging aufs Klo und legte mich dann nochmal hin.

Der Mann stand ausnahmsweise vor mir auf und verließ das Haus, um seinen Führerschein zu verlängern, denn der gilt nur noch eine Woche. Nach einer kleinen Odyssee zu verschiedenen Polizeistationen kam er zurück, überall hatte er andere Informationen erhalten, jedoch keinen neuen Führerschein. Hoffen wir mal, dass es da momentan Ausnahmeregeln gibt.

Nach dem Frühstück fuhr der Mann erneut los, diesmal zur Werkstatt, wegen irgendwelcher Motorradprobleme. Ich sah ihm mit gemischten Gefühlen nach: Einerseits brauchen wir gerade jetzt ein fahrtüchtiges Motorbike, andererseits ist jeder Kontakt nach draußen ein Risiko.

Ich ging an den Schreibtisch und machte mich an meine To-Do-Liste. Noch gibt es genug zu tun, noch haben die Vapeshops geöffnet, in denen der Mann sein E-Liquid verkauft. Hoffentlich bleibt es so.

Bis zum Abendbrot (Nudelsuppe und Tempe) war ich tatsächlich mit allem fertig und konnte mich nach dem Abwasch der Herstellung von drei Litern Zitronenbrause widmen. Dazwischen gab es kurz Aufruhr, weil eine Gottesanbeterin den Weg ins Haus und die Haare des Mannes gefunden hatte. Wir tupperten sie kurzerhand ein, um sie später ins Freie zu entlassen.

Geduscht, Hausaufgaben gemacht, Hörbuch, Bett.


The Left Hand of Darkness gefällt mir nach einem etwas holprigen Start ganz gut. Es geht um Genly Ai, der von der Erde stammt, den Planet Gethen als Botschafter besucht und dort den ein oder anderen Kulturschock erleidet. Das liegt unter anderem daran, dass die Bewohner Gethens androgyn sind und nur einmal im Monat entweder männliche oder weibliche Merkmale entwickeln. Welche, das können sie sich nicht aussuchen. Das verwirrt Genly sehr, der die Leute, die er trifft, dauernd in irgendwelche Schubladen stecken will.

Is it a fever, is it just allergies? | Kennt ihr schon die Coronavirus-Rhapsody?

31. März 2020 – Gewöhnung setzt ein

Morgens von einem flauschigen Kater geweckt worden, der erst das Kissen durchknetete und sich dann auf meinem Bauch zum Schlafen niederließ. Das war sehr niedlich und definitiv mein Savoring-Moment des Tages.

Ich stand auf, zog mich an, machte die Katzenklos sauber und trug deren Inhalt samt vollem Müllbeutel zur Mülltonne draußen. Dabei traf ich ein Kätzchen mit weißem Fell und orangen Ohren, das ich schon mal in der Nachbarschaft gesehen hatte. Es folgte mir laut piepsend bis zur Haustür. Für solche Fälle habe ich eine extra Dose Katzenfutter im Schrank. Ich sperrte sicherheitshalber Manfred und Nina ein, ging wieder raus und gab dem Kätzchen was zu essen. Es stürzte sich geradezu auf die Futterschüssel, wirkte aber nicht dünn oder ungepflegt. Wahrscheinlich hatte es nur sein Frühstück verpasst. Später schlief es auf der Terrasse, von Manfred argwöhnisch durchs Fenster beäugt.

Nach dieser kurzen Aufregung speisten wir, dann setzte ich mich an den Rechner. Seit über zwei Wochen habe ich keinen neuen Korrekturauftrag bekommen. Das liegt sicher an den geschlossenen Unis und Bibliotheken, aber wahrscheinlich auch daran, dass viele Studierenden ihren Nebenjob nicht machen und sich deshalb kein Lektorat leisten können. Gut, dass ich noch einen anderen Auftraggeber habe und Ersparnisse auch. Doch natürlich hoffe ich, dass sich die Situation bald bessert.

Seit ein paar Tagen merke ich schon, dass bei mir ein gewisser Gewöhnungseffekt an die neue Normalität einsetzt. Ich lese nicht mehr alle Nachrichten und fühle mich überhaupt etwas gelassener. Das ist gut, aber auch ein bisschen erschreckend, wie schnell eine Ausnahmesituation zur Gewohnheit wird.

Übrigens habe ich vor kurzem den whlw-Newsletter abonniert, der ist ganz großartig und nachdem ich erst eine Ausgabe gelesen habe, bin ich schon begeistert. Sehr empfehlenswert.

Zum Nachmittag hin begann es zu gewittern. Der Kater schlief neben mir, ich pipelte so vor mich hin. Der Mann holte in Regensachen gehüllt Essen (Gudeg, heute ganz prima und ohne harte Stückchen), dazu tranken wir die zweite Flasche Brause aus. Laut Mann schmeckt sie nach Thymian, ich wüsste sehr gern, wo der herkommen soll.

Abends Yoga gemacht, geduscht, eine Folge Lost und ein Schokoriegel, dann Bett. Vor lauter Müdigkeit ganz meine Hausaufgaben vergessen, obwohl ich beim Zähneputzen noch dran gedacht hatte. Upsi.

30. März 2020 – Auf Sparflamme

Zu lange geschlafen, zu spät aufgestanden. Morgenroutine am Vormittag und Frühstück um elf. Passiert. Dann am Rechner gesessen, leichte Kopfschmerzen und zähe Gedanken. Nichts hingekriegt. Passiert. Dafür Erleichterung, weil Nina nicht noch einmal gekotzt hatte (hab ich das gestern erwähnt?), es war wohl wirklich nur ein Haarballen und nicht das Desinfektionsmittel. Seit ihrer Vergiftung sind wir diesbezüglich etwas dünnhäutig. Währenddessen fuhr der Mann einkaufen. In den Supermarkt dürfen nur noch 150 Leute auf einmal rein, sehr vernünftig. Er kam mit einem Rucksack voller Haferflocken, Nudeln und anderen Leckereien wieder und berichtete von gesperrten Dorfstraßen, die die Leute am Wegfahren hindern sollen.

Abwasch gemacht und dem Mann beim Kochen geholfen. Es gab Nudelsuppe und dazu frittierte Kartoffeln und Tempe, genau wie gestern. War halt lecker. Und die Zitronenbrause war auch endlich fertig. Nur vom Ahornsirup merkt man leider nichts.

Abends in Woche 2 meines Onlinekurses gestartet. Meine Hausaufgaben: jeden Abend fünf Dinge aufschreiben, für die ich dankbar bin und eine Sache, die ich an diesem Tag besonders wahrgenommen und genossen habe. Danach Sporthosen angezogen und Yoga gemacht, endlich mal wieder. Versucht, ganz im Moment zu bleiben und jede Bewegung auszukosten. Das hat gut geklappt, ich fühlte mich anschließend weniger träge und hatte gleich einen Punkt für meine Hausaufgaben.

Geduscht, zwei Folgen Lost geguckt, einen Schokoriegel gegessen und dabei einen Kater beschmust, der vor mir auf dem Tisch schlief. Dann mit Hörbuch ins Bett.

27. bis 29. März – Maskenschneiderei und unser Haus ist jetzt desinfiziert

Am Freitag saß ich am Rechner, guckte auf den Bildschirm, schob die Maus herum und kriegte einfach nichts gebacken. Überforderung, keine Konzentration und PMS. Ganz schlechte Mischung. Ich gab auf, machte den Laptop aus und begann, dieser Anleitung folgend Atemmasken aus einem alten T-Shirt zu nähen. Mein Prototyp sitzt auch ohne Nasendraht gut und ich hatte das erleichternde Gefühl, einfach mal etwas Sinnvolles zu tun. Und Hände, die mit Nähen beschäftigt sind, können nicht zum x-ten Mal durch den Facebook-Newsfeed scrollen. Da Elastikband inzwischen ausverkauft ist, häkelte ich lange Schnüre, die die Masken in Position halten sollen. Abends wusch ich den Prototyp probeweise mit kochendem Wasser, was er gut überstand. Yeah!

Samstag war Pausentag. Ich führte die Maskenbastelei weiter, telefonierte mit dem Brüderlein in der Heimat, kochte mit dem Mann Mie goreng, flauschte Herrn Manfred, lag ein bisschen bauchwehend herum, setzte zwei Liter Zitronenbrause an (mit Ahornsirup!) und guckte ziemlich viele Folgen Lost. Abends kam dann eine Nachbarin vorbei und kündigte für Sonntag eine Desinfizierungsaktion der Nachbarschaft an.

Wegen der standen wir am nächsten Morgen schon um sieben auf (überraschende Erkenntnis, dass mir das leichter fiel als gedacht) und bereiteten das Haus vor. Desinfektionsmittel sind generell nicht so toll für Katzen, also trugen wir die Katzenkäfige in die Abstellkammer und sperrten die beiden Miezen darin ein. Das fanden sie gar nicht gut, aber das musste jetzt einfach mal sein. Dann warteten wir auf der Terrasse auf das Sprühkommando. Das bestand aus zwei jungen Typen, die immerhin Masken trugen. Einer ging ins Haus und besprühte Wände, Türen, Fußboden und das Sofa mit irgendwas Chlorhaltigem, der andere verfuhr ebenso mit dem Vorgarten und den Mopeds. Das ging erstaunlich schnell, viel länger dauerte das Warten, bis alles wieder trocken war. Gerade wegen der Katzen, die ihren Unmut lautstark äußerten. Die lieben zwar Chlorgeruch, vor allem Manfred ist da ganz scharf drauf, aber giftig ist das Zeug trotzdem für sie. Also saßen wir draußen, bespaßten den niedlichen Nachbarskater und guckten zu, wie die anderen Häuse desinfiziert wurden. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das viel bringt. Wir hätten auch ablehnen können, aber wenn dann jemand in der Nähe krank wird, sind wir am Ende die Sündenböcke.

Dann gefrühstückt und die Katzen rausgelassen.

Die Brause brauchte etwas länger als sonst, das lag wohl an der kalten Nacht. Interessante Beobachtung: Die Hefen setzen sich in den fünf Ausbeulungen des Flaschenbodens ab, darum schwimmen auf der Oberfläche ebenfalls fünf runde Schaumkronen, die ich anfangs für Schimmel hielt. Durch das ungewohnt frühe Aufstehen fühlte sich der Tag sehr lang an. Wir kochten mit Gemüse aufgepeppte Instantnudeln, dazu Kartoffelspalten und Tempe. Ich wusch Wäsche und putzte das bak mandi.

In einigen Gegenden Indonesiens scheinen manche Einheimische weiße Tourist*innen für die Einschleppung des Coronavirus verantwortlich zu machen – womit sie meiner Meinung nicht ganz unrecht haben. Schließlich konnte es sich auch dank reicher Reisender rasch verbreiten. Klar sind dadurch motivierte Übergriffe zwar scheiße und nicht okay, aber kein Rassismus. Fremdenfeindlich, ja, aber kein Rassismus. Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße, schlussausbasta. Alman und Bule sind auch keine rassistischen Beleidigungen wie etwa das N-Wort. Abends beschlossen, dass ich endlich mal dieses Buch lesen muss.

Mit Hörbuch ins Bett.

26. März 2020 – Ein schlechter Tag für Spinnen und Geckos

Trotz spätem Zubettgehen schaffte ich es, gegen neun aufzustehen. Das lag unter anderem an einem nervigen Bauchproblem, na schönen Dank auch. Übliche Morgenroutine, dann Bloggen. Inzwischen wachte der Mann auf, ich machte Porridge, er briet Eier. Wir speisten, während ein ungeduldig fiepender Manfred darauf wartete, dass sein Nassfutter Raumtemperatur annahm. In diesem Punkt ist er kein bisschen lernfähig.

Als ich vor dem Arbeiten noch mal ins Bad ging, griff ich nach der Klobürste und übersah dabei an deren Stiel sitzende Spinne, die leicht angematscht und mit zwei Beinen weniger zu Boden fiel. Das tat mir sehr leid, aber ich sah sie später an der Wand entlang huschen, was mein schlechtes Gewissen beruhigte.

Ich werkelte vor mich hin, heute mit nicht so guter Konzentration. PMS wahrscheinlich.

Zum frühen Abendbrot gab es Reste von gestern. Danach wollten wir zum Zahnarzt. Denn, nachdem ich dreißig Jahre lang für meine naturgesunden Zähne gelobt wurde, ist das scheinbar vorbei und unter der Versiegelung meines einen Backenzahns sitzt Karies. Es tut nicht wirklich weh, nur beim Putzen, aber ich habe Angst, dass es größer wird. Leider haben inzwischen sämtliche Praxen entweder komplett geschlossen oder behandeln nur noch Notfälle. Verständlich, aber auch frustrierend, denn ein Notfall bin ich leider nicht. Allerdings war ich auch ganz froh, dass wir recht schnell wieder zu Hause waren, weil mein Bauchproblem noch nicht besser war. Jetzt muss ich wohl oder übel warten, bis entweder der olle Virus verschwindet oder mein Zahn so schlimm wird, dass ich nicht mehr abgelehnt werde. Kein gutes Gefühl.

Ich setzte mich dann noch mal an den Rechner, um meinen Onlinekurs weiterzumachen. Für diese Woche besteht der hauptsächlich aus Einführungsvideos und einem Quiz, das meine Grundzufriedenheit ermitteln sollte. Leider lud es nicht, weil das Internet so langsam war und ich ging lieber stricken.

Später beim abendlichen Fegen entdeckt, dass ich einen kleinen Gecko mit meinem Schreibtischstuhl überrollt hatte. Beinah geweint, weil es mir so leid tat. Damit habe ich nun zwei auf dem Gewissen, der erste war ein tragischer Unfall mit der Kühlschranktür.